Carlos Ruiz Zafón - Der Schatten des Windes

Originaltitel: La sombra del viento
Roman. Suhrkamp Verlag 2005
563 Seiten, ISBN: 3518458000

Der Inhalt dieses vielgepriesenen Romans wurde hier zwar schon mehrfach erzählt, ich wills aber auch nochmal mit eigenen Worten versuchen.

Der elfjährige Daniel wird von seinem Vater eines Morgens an einen Ort mitgenommen, von dessen Existenz er niemandem, selbst seinem besten Freund, nicht erzählen darf - dem Friedhof der vergessenen Bücher. Und jeder, der zum ersten Mal hier ist, darf sich ein Buch aussuchen, dessen Pate er fortan wird. Es ist ein verwunschener Ort, ein Labyrinth, und überall nur Bücher... wie soll er sich da entscheiden? Der Zufall lenkt seine Blicke auf einen kleinen Roman, "Der Schatten des Windes", von einem gewissen Julian Carax.

Hingerissen versinkt der Junge, wieder zu Hause, in der Lektüre - eine phantastische Geschichte, voller Emotionen, voller Abenteuer. Es ist seine erste Liebeserfahrung mit einem Buch; und beim Lesen beneidet man ihn um diese im Roman so plastisch nachlebbare Erfahrung. Und natürlich möchte er noch mehr Bücher von diesem Autor lesen; doch da stößt er auf Schwierigkeiten, mit denen er nicht gerechnet hätte. Durch die Vermittlung seines Vaters gerät er an einen der wenigen Menschen, die zumindest ein wenig mehr über Carax erzählen können - er trifft die blinde Clara, die ihm die Geschichte des Autors erzählt, soweit sie ihr selbst bekannt ist. Carax hatte einige wenige Romane geschrieben, die in Frankreich bei wechselnden Verlagen und immer nur in winziger Auflage erschienen waren. Seinen Lebensunterhalt hatte er sich als Klavierspieler in einem Bordell verdient; und dann, kurz nach Erscheinen seines letzten Romans, den Daniel ja gelesen hatte, hieß es eigentlich, er würde heiraten, wurde in ein Duell verwickelt, kam in seine Heimatstadt Barcelona zurück - und hier verlieren sich die Spuren.

Clara wird für Daniel zur ersten Liebe; die unerreichbare Schöne wird ihm gleichzeitig auch zur besten Freundin, ihr liest er vor, mit ihr durchstreift er Barcelona, und die Geschichten, die sie ihm immer wieder erzählt von einem geheimnisvollen Fremden, der sich nach ihm erkundige, und dessen Gesicht ganz ledrig wäre, tut er als Geschichten ab. Zumindest solange, bis er diesen Fremden eines Tages selbst trifft - der ihm für viel Geld sein Buch abkaufen will. Wofür? Um es zu verbrennen, wie er auch die anderen Exemplare, die er gekauft oder gestohlen hatte, verbrannt hatte. Und wenn Daniel es nicht verkaufe, dann werde er es sich eben auf anderen Wegen besorgen, notfalls mit Gewalt.

Schrecken ergreift Daniel - denn das Buch ist bei Clara! Noch in dieser Nacht bricht er auf, es wiederzuholen, um sie zu schützen - und wird mit dem schlimmsten Anblick seines jungen Lebens konfrontiert.

Aber dafür fängt er nun ernsthafter an, die Geschichte des Julian Carax zu erforschen, unterstützt von Fermin, einem Bettler, der ihm in dieser Nacht geholfen hatte, und dem sein Vater einen Job angeboten hatte. Die Geschichte führt zurück in die Zeit, als Franco an die Macht kam; sie erzählt von vier Schulkameraden, von Freundschaften, von Liebe, aber immer vor dem Hintergrund der Zeit. Und je älter Daniel wird, umso mehr Parallelen zu seinem eigenen Leben entstehen...

Es ist ein wunderschön geschriebener Roman, bei dem mir besonders positiv aufgefallen ist, wie wunderbar die Geschichte mit der Erzählsprache harmoniert. Dem Übersetzer, Peter Schwaar, an dieser Stelle ein aufrichtiges Kompliment. Es ist eine altmodisch erzählte, konventionell aufgebaute Geschichte, und die Sprache passt in die Zeit, in der erzählt wird, sie modernisiert nicht, sie wirkt ganz und gar mit dem Geschehen verhaftet.

Ich habe mit Spannung und viel emotionaler Beteiligung gelesen, auch wenn für meinen Geschmack die Unterscheidung in Gut und Böse etwas zu eindeutig war, und die Spiegelung der Geschichten sich zu einfach gestaltete, so dass man nicht viel Mitdenken braucht, um sie zu finden, sie wird einem förmlich aufgedrängt. Und auch, dass wirklich jeder kleine Handlungsfaden am Ende aufgelöst wird, dass eigentlich keine Geheimnisse offen bleiben, und ich als Leser auch nicht mit einer moralischen Fragestellung konfrontiert bleibe, fand ich etwas schade. Trotzdem bleiben einige Punkte, die bei näherem Nachdenken nicht mehr plausibel sind; doch da ich das Buch an sich wirklich schön fand, habe ich beschlossen, mir darüber keine weiteren Gedanken zu machen. Es würde das wunderbare Gefühl kaputtmachen, das ich beim Lesen hatte.

Im Nachhinein am besten gefallen haben mir allerdings die zeitbezogenen Schilderungen. Wie das Spanien der Franco-Ära hier geschildert wird, was man über Verrat, über Terror etc. erfährt, das hat mich sehr beeindruckt.

Kurz und gut: ein wunderbarer Schmöker für ein langes, friedliches Wochenende!

Carlos Ruiz Zafón

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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