Attila Bartis - Die Ruhe

Originaltitel: A Nyugalom
Roman. Suhrkamp Verlag 2005
300 Seiten, ISBN: 3518416820

Im Perlentaucher Bücherbrief der Saison wird dieser Roman als wichtigster Wenderoman neben Ingo Schulze aufgestellt; hier wird das Buch wie folgt angepriesen:

Das ist der Wenderoman, auf den alle so lange gewartet haben, ruft die NZZ und warnt, dass der Titel "Die Ruhe" nur ironisch gemeint sein kann.
[..]
Die FAZ rühmt die Intensität der Lektüre, weil Bartis immer hart am Konkreten bleibe, auch in den mitunter krassen Sexszenen. Das Etikett "Wenderoman" greift ihr aber zu kurz, das Buch sei nämlich auch ein "gewaltiges Epitaph" für eine "tyrannische, verrückte, unerträgliche Mutter".

Worum gehts?

Wir begegnen den beiden Hauptpersonen, als eine davon schon tot ist - eine Mutter und ihr Sohn; eine viel zu enge, peinigende Beziehung, soviel wird aus den ersten Worten schon klar.
Fünfzehn Jahre lang hatte die Mutter die Wohnung nicht mehr verlassen; fünfzehn Jahre, nachdem sie ihre Tochter beerdigt hatte, bevor diese überhaupt tot war.
DIese Tochter, die Zwillingsschwester des Ich-Erzählers, eine herausragende Geigenspielerin, war in den Westen geflohen und hatte dadurch der Karriere ihrer Mutter erheblichen Schaden zugefügt. Sehr direkt wurde dieser vermittelt, sie würde nur weiter auftreten können, wenn sie ihre Tochter zur Rückkehr bewegen könne. Da ihr dies nicht gelang, lies die Mutter die Tochter kurzerhand für tot erklären, packte all ihren Kram in einen Sarg und beerdigte diesen.

Doch der Erfolg war nicht wie erwartet; sie gräbt sich in der Wohnung ein, und nun ist es am Sohn, sie einerseits zu versorgen, aber auch ihr einziges Publikum zu sein für ihre Herzbeschwerden, die vor allem dann einsetzen, wenn er seinen amourösen Abenteuern nachgeht, und akut werden, als er sich ernstlich verliebt.

Sein Leben zwischen "wowarstudmeinsohn" und "wohingehstdumeinsohn" verarbeitet er irgendwann auch literarisch; seine Geschichten werden angenommen, er wird veröffentlicht, ein Schriftsteller, und seine Lektorin... nun, ab hier wurde die Geschichte dann wirklich eklig, und für alle, die das Buch noch lesen wollen, sei hier nicht zuviel verraten.

Ich muss sagen, selten ein ähnlich fesselnd-eklig-brutales Buch gelesen zu haben. Hier wütet ein Schriftsteller, der wirklich ein Talent für neuartige Bilder hat, und lässt nicht zu, dass man das Buch aus der Hand legt, obwohl zumindest ich es schon recht früh eigentlich gar nicht mehr weiterlesen wollte.

Eine wirkliche Empfehlung dafür kann ich entsprechend auch nicht aussprechen; aber auf weitere Meinungen wäre ich sehr gespannt.

Attila Bartis

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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