Henning Mankell - Der Chronist der Winde

Originaltitel: Comédia infantil
Hörbuch - Roman. Der HörVerlag 1995
4 CDs, ISBN: 3895841161

10 Nächte lang lauscht der Bäcker José Antonio Maria Vaz dem Lebensbericht des sterbenden Nelio; mit Schusswunden hatte er diesen in den Kulissen des Theaters gefunden, und versuchte ihn nun auf dem Dach dieses Theaters wenn schon nicht gesund zu pflegen, so doch wenigstens die letzten Tage zu erleichtern.

Und was für ein Leben der gerade erst zehnjährige zu berichten hat! Die glücklichen Kindheitstage werden durch eine Gruppe Banditen jäh gestört, die ins Dorf einfallen, seine Schwester ermorden und die restlichen Dorfbewohner als Geisel nehmen; sie wollen das Land befreien, und wer nicht befreit werden will, wird erschossen. Als sie auch Nelio zwingen wollen, auf einen engen Freund zu schießen, tötet dieser lieber den Banditen und flieht daraufhin so weit und schnell er kann.

Nach einer langen Wanderstrecke mit einem Albino, der ihn unter seine Fittiche nimmt, landet er in der großen Stadt, seiner zukünftigen Heimat. Viele Kinder leben hier auf der Straße, die meisten in Gruppen organisiert, die ihre Reviere gegen Neuankömmlinge entschlossen verteidigen. Doch Nelio gelingt es sehr rasch, in eine der Straßengangs aufgenommen zu werden. In der Folge entwickelt er sich rasch zum zweiten Kopf der Gruppe, obwohl er viel jünger ist als die meisten anderen der Kinder.

Gemeinsam versuchen sie das Geheimnis der Menschen zu ergründen, die mit ihren Aktentaschen immer so eilig von einem Ort zum nächsten hetzen, und finden in einer dieser Taschen dann auch deren Bedeutung: eine tote Eidechse. Sie wollen nun demonstrieren, dass sie Bescheid wissen, und fangen an, rituell in große Kaufhäuser, ja sogar ins Schlafzimmer des Präsidenten einzudringen, um dort ihre Spuren zu hinterlassen.

Als Cosmo dann seinen Traum verwirklicht und geht, ist es Nelio, der die Straßenkinder anführt; mit ihm erleben wir die Verantwortung für Tristeza, der nicht einmal rechnen kann, aber eine Bank eröffnen möchte, von Mandioka, der in seinen Taschen Tomaten zieht, und auch von Alberto Bomba, der eines Tages so krank wird, dass die anderen versuchen, seinen letzten Traum zu erfüllen...

Gerade in der ersten Hälfte dieses Romans (den ich in der Hörbuchversion, gelesen von E. Böhlke, genossen habe) ist man erschüttert über die Ereignisse, die aus Nelio ein Straßenkind machen. Mankell versteht es hier wirklich, auf eine (zahlenmäßig riesige) Randgruppe aufmerksam zu machen, ohne dabei mit dem moralischen Zeigefinger zu kommen. Vor allem auch die Entscheidung dieser Kinder, lieber auf der Straße als in einem Waisenhaus zu leben, wird aus einer sehr nachvollziehbaren Perspektive geschildert.

Spätestens aber mit Nelios Funktion als Führer der Straßenkinder wurde er zu einer edlen, weisen Figur hochstilisiert, die geradezu übermenschlich erscheint und mich aus diesem Grund nicht mehr wirklich reizte.

Die Handlung wurde für meinen Geschmack dann viel zu märchenhaft; für mich war die Grenze zum Kitsch überschritten, aber das mögen andere Leser/Hörer anders sehen.

Dieser Afrika-Roman von Henning Mankell, der von vielen als sein Bester angesehen wird, hat zwar auch mir von den mir bekannten am Besten gefallen, durchgehende Begeisterung stellt sich jedoch bei mir dennoch nicht ein.

Henning Mankell

Henning Mankell, 1948 in Häjedalen geboren, ist einer der angesehensten Schriftsteller Schwedens. Er lebt als Regisseur und Autor in Maputo / Mosambik.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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