Qiu Xiaolong - Schwarz auf Rot. Oberinspektor Chens dritter Fall

Originaltitel: When Red is Black
Krimi. Zsolnay Verlag 2005
304 Seiten, ISBN: 3552053514

Oberinspektor Chen hat Urlaub. Das erste Mal seit drei Jahren. Nein, nicht weil er sich unbedingt erholen will; im Gegenteil. Durch einflussreiche Bekanntschaften, die er im Dienst gemacht hat, wurde ihm ein Übersetzungsauftrag angeboten, der ihm ein vielfaches seines bescheidenen Polizistensalärs einbringt.

Sein Vorgesetzter, Li, würde ihn ja am liebsten aus dem Urlaub zurückholen, als eine Schriftstellerin ermordet wird; ihr Tod erregt schließlich auch im Ausland Aufsehen, und somit ist es ein Fall für die Politabteilung. Doch Chen weiß den Fall bei seinem Hauptkommissar Yu in guten Händen; schließlich arbeiten er und Yu jetzt schon einige Jahre zusammen.

Yin Lige, die ermordete Schriftstellerin, war mit einem Roman sehr bekannt geworden, in dem sie ihre Erfahrungen während der Kulturrevolution verarbeitet hatte, aber vor allem auch ihre Liebe zu einem Dichter, zu Yang, der aufgrund dieser Beziehung so großen Repressalien unterworfen war, dass er daran starb.

Die Autorin gilt aufgrund dieser Kritik am Regime als Dissidentin; Yangs Ruf als Lyriker und Übersetzer war es auch, der das Interesse des Auslands geweckt hatte. Aber wer sollte diese Schriftstellerin ermorden wollen?

Sogar Yus Frau Peiquin beteiligt sich an den Nachforschungen; auf ihre Weise mindestens ein ebenso großer Bücherwurm wie Chen, findet sie durch die wiederholte Lektüre des angegebenen Romans tatsächlich einige Unstimmigkeiten, die zumindest eine Spur weisen.

in der Zwischenzeit ist Chen eifrig damit beschäftigt, die Gefälligkeiten des Geschäftsmanns, für den er die Übersetzung fertig, halbwegs im Rahmen zu halten; trotzdem ist er über die Dienste der kleinen Sekretärin, die ihm zur Verfügung gestellt wird sehr dankbar, gestatten sie ihm doch schließlich, auch seinen Beitrag zur Auflösung des Falls zu leisten...

Was diesen Krimi so lesenswert macht? Natürlich der exotische Schauplatz, die Schilderung der chinesischen Delikatessen - aber vor allem, wie der Autor die Gesellschaft im Umbruch von Sozialismus zu Kapitalismus, bzw. die chinesische Variante davon, beschreibt.

Die Wohnungsnot, die Beziehungen, die man spielen muss, um rechtmäßig an ein etwas größeres Plätzchen zu kommen, die geringe Bezahlung, die gerade für die Staatsangestellten noch auf dem Prinzip der "eisernen Reisschüssel", der ewigen Absicherung und auch Gleichstellung aller Arbeitenden abgestimmt ist und somit mit den modernen Gegebenheiten nicht mehr wirklich in Einklang zu bringen ist.

Sogar Chen, der als Parteikader ja durchaus auch einige offizielle Vergünstigungen genießt, ist auf Zusatzeinkommen angewiesen, um standesgemäß leben zu können. Und obwohl er durchaus ein Mann mit moralischen Grundsätzen ist, bedient er sich doch zunehmend der Kontakte, die er im Laufe der Jahre gemacht hat, die nicht immer legal sind.

Über einige Kleinigkeiten gerade zur Wohnungsituation, zu den Gemeinschaftsküchen und den fehlenden sanitären Einrichtungen, muss ich mich nochmal bei meiner chinesischen Kollegin erkundigen, das erscheint mir irgendwie doch übertrieben; aber die ersten beiden Bände hatte auch sie mit sehr viel Interesse und Begeisterung gelesen, so weit von der Realität kanns also nicht entfernt sein...

Von meiner Seite jedenfalls eine klare Empfehlung - ich finde, die Reihe wird von Buch zu Buch besser.

Qiu Xiaolong

Qiu Xiaolong wurde 1953 in Shanghai geboren. Er arbeitete als Übersetzer (zB von T.S. Eliot und W.B. Yeats), veröffentlichte Lyrik und Literaturkritiken. 1988 reiste er in die USA und beschloss nach dem Massaker am Tiananmen Platz, nicht nach China zurückzukehren. Seit 1994 lehrt er an der Washington Universität St. Louis chinesische Literatur und Sprache. Für "Tod einer roten Heldin" wurde er mit dem begehrten Anthony Award für den besten Debütroman ausgezeichnet.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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