Richard Powers - Der Klang der Zeit

Originaltitel: The Time of Our Singing
Roman. S. Fischer Verlag 2004
750 Seiten, ISBN: 310059021X

Als Jonah Anfang der 60er den Wettbewerb um die neue "Stimme Amerikas" gewinnt, ist das nicht nur eine Sensation, weil er gerade mal 20 ist; was im weißen Amerika eine Schockwelle auslöst, ist seine Hautfarbe. Jonah ist der Sohn einer schwarzen Arzttochter aus Philadelphia - und einem jüdischen Flüchtling, einem Physikprofessor. Sie hatten sich in Washington kennengelernt, bei einem Konzert einer schwarzen Sängerin, der die Konzerthallen verweigert worden waren, und die daher ein Freiluftkonzert gab, das zu einer der ersten friedlichen großen Demonstrationen wurde.

Hier lernten sie sich also kennen, die beiden aus den so verschiedenen Welten, deren Heirat in manchen Bundesstaaten gesetzlich verboten gewesen wäre; auch so hatten sie kaum eine Chance auf ein glückliches Leben. Schon die Frage nach dem Wohnort ist schwierig; weder in den weißen noch in den schwarzen Vierteln sind sie sicher. Und noch schwieriger ist es, als die Kinder da sind - wie sollen sie erzogen werden? Welche Schule besuchen?

Alle Kinder, das wird schnell klar, sind sehr musikalisch, noch vor dem Alphabet können sie Noten lesen, stimmen in den elterlichen Zwiegesang des Abends ein, lernen Arien, Messen, alles das, was aus Europa kam.

Jonahs Begabung sichert ihm ein Stipendium an einer angesehenen Musikschule - er allein unter Weißen, soviel er auch lernt, er bleibt doch der Außenseiter, und ein Jahr später kommt auch Joseph, der kleinere Bruder, an die Schule. Aus dessen Perspektive wird auch erzählt; doch so nah man auch an ihm dran ist, so wenig erfährt man gleichzeitig von ihm selbst.

Die beiden Brüder sind so in ihrer eigenen Welt der Musik verstrickt, dass sie dich sich zuspitzende Lage in ihrem Land gar nicht mitkriegen, die Militäreinsätze, den Ausnahmezustand; und weil sie so selten zu Hause sind, merken sie auch gar nicht, dass ihre Schwester Ruth sich immer mehr von ihnen entfernt, besonders, seit die Mutter bei der Explosion des Heizkessels gestorben war.

Ruth wirft ihnen vor, sich aufgrund ihrer hellen Haut auf die Seite der Weißen geschlagen zu haben; sie selbst wirft sich auf ihre andere Seite, obwohl sie auch hier zu spüren kriegt, dass sie dafür wiederum zu hell ist.

Ihr großer Vorwurf an die Eltern, der die ohnehin fragile Familie dann schließlich entzweit: sie hätten das nie tun dürfen, nie sich mischen dürfen, nie etwas in die Welt setzen dürfen, das nicht Fisch noch Fleisch sei…

Zwei große Themen durchziehen dieses Buch: die Musik - und die Rassenkonflikte. Über letztere habe ich wieder einiges dazugelernt; es ist immer wieder unfassbar, wie wenig Zeit eigentlich erst vergangen ist, wievieles für uns schon gar nicht mehr richtig vorstellbar ist.

Wahrscheinlich ist das auch der Grund, warum ich mit den radikalen Positionen in dem Buch zum Teil so schlecht zurecht gekommen bin; es erschwerte mir die ohnehin schon schwierige emotionale Beteiligung nochmal sehr.

Denn keiner der Protagonisten wird richtig menschlich; Jonah ist weltentrückt, ihn nehmen wir hauptsächlich durch seine Stimme war, die immer wieder als unglaublich, umwerfend, berückend, und was der Eigenschaften noch mehr sein mögen, beschrieben wird.

Auf den Seiten 200 - 500 wird hauptsächlich aus dem Leben der Beiden in den Sechzigern berichtet, mit allen Konflikten, die sich daraus ergeben; meine Lieblingsszene darin ist, als Joseph am Klavier mit einem der wenigen schwarzen Studienkollegen improvisiert und dabei fliegen lernt; eine der wundervollsten Musikbeschreibungen, die ich in der Literatur bislang kennengelernt habe.

Danach kommen wir bis in die Jetztzeit; entsprechend nimmt die Intensität der Beschreibung auch ab, werden die Zeitsprünge größer; die ohnehin schon sehr kühle, intellektuelle Erzählweise wird noch distanzierter.

Ein sehr gutes Buch, mit ein paar kleineren Abzügen in der Punktewertung.

Richard Powers

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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