Thomas Lehr - 42

Originaltitel: 42
Roman. Aufbau Verlag 2005
368 Seiten, ISBN: 3351030428

Man stelle sich vor, die Zeit bleibt stehen. Einfach so. Ohne sichtbaren Anlass. Und nicht nur die Zeit, sondern auch alles rundherum - bis auf 70 Menschen.

Diese siebzig Menschen hatten am fraglichen Augusttag eine Besichtigung des CERN in Genf vorgenommen; und als sie wieder an die Oberfläche kamen, war alles rund um sie erstarrt. Schall trägt nicht mehr, die Schwerkraft ist außer Kraft gesetzt, und nur um jeden von ihnen herum gibt es eine Art Zeitblase, in der die Zeit weiter läuft.

Nach der anfänglichen Panik werden die physikalischen Grundgesetze des neuen Zustands erforscht; dass Schall zum Beispiel nur trägt, wenn die Zeitblasen sich überschneiden; dass die erstarrte Umwelt durch eine Zeitblase aus ihrem Zustand aufgeschreckt, aber nicht erweckt werden kann, die Zeit auch für diese "Fuzzis" weiterläuft, ohne dass sie es allerdings merken können; und derlei mehr.

Fünf Jahre hält dieser Zustand bereits an; doch nun sind fast alle Chronifizierten, die noch am Leben sind, unterwegs nach Genf, denn es hat etwas stattgefunden, das sie alle aufgerüttelt hat: für kostbare 3 Sekunden hat der Lauf der Zeit wieder eingesetzt, und dieser Ruck gibt Hoffnung, dass die CERNianer vielleicht doch einen Weg gefunden haben könnten, ihre Misere zu beenden.

Als Leser geht man diesen Weg zurück nach Genf mit Adrian, einem Journalisten, glücklich verheiratet - so meinte er zumindest - und mit einer heimlichen Schwärmerei für Anna, eine Pressefotografin, die unglücklicherweise mit ihrem Ehemann gemeinsam chronifiziert war.

In Rückblenden erfährt man sowohl vom Leben vor diesem Augusttag, aber auch von den vergangenen fünf Jahren, in denen er feststellen musste, dass seine Frau beispielsweise nicht, wie erzählt, mit ihrer Freundin an der Ostsee, sondern mit einem Liebhaber in Florenz weilte; man durchläuft mit ihm die klassischen fünf Phasen des Schocks, Orientierung, Missbrauch, Depression und Fanatismus.

Und leider erlebt man durch seine Augen auch die seltsamsten, teilweise ziemlich unappetitlichen "Installationen", die andere Chronifizierte mit den wehrlosen Fuzzis arrangiert haben. Noch harmlos ist dabei das Diner nackter Diplomaten im Freien; auch die ermordeten Kriegsverbrecher erscheinen noch nicht allzu schlimm. Aber der Autor erspart und auch seitenlage Beschreibungen von Frauenanordnungen nicht, die nach der Form ihrer Schamlippen ausgewählt wurden, und ähnliche Geschmacklosigkeiten mehr.

Bei seiner Lesung hatte der Autor erwähnt, er fände das Thema "Zeit" zu wichtig, um es Science-Fiction-Autoren alleine zu überlassen. Ich hatte den Inhalt des Romans, vor allem die mich durchaus faszinierenden Vorstellungen von den Rahmenbedingungen des Zeitstillstands, einigen Freunden erzählt und etliche Male die Antwort erhalten "Das konnte man bereits vor Jahrzehnten bei Perry Rhodan lesen".

Abgesehen von einer sehr redundanten Erzählweise hatte ich auch ein Problem mit der mir sehr künstlich erscheinenden Sprache; vielleicht geprägt durch die Erfahrung, den Autor erst wenige Tage zuvor aus dem Roman lesen gehört zu haben (Hier zum Lesungsbericht) hatte ich das Gefühl, das mich aus jeder Zeile der Wunsch "ich will große Literatur sein" ansprang, ein Anspruch, der in meinen Augen aber nicht erfüllt wurde.

Wie auch Mark hier schon erwähnte: eigentlich gibt es durchaus sehr interessante Handlungsebenen, sowohl die persönliche Auseinandersetzung mit dieser Situation des Protagonisten als auch das generelle Was-wäre-Wenn-Spiel, aber so richtig zufriedengestellt hat mich keine davon.

Dennoch hat der Autor es immerhin - trotz aller Hürden, die für mich eingebaut waren - geschafft, dass ich bis zum Schluss gelesen habe und auf seine Auflösung des Ganzen neugierig geblieben bin. Kein schlechtes Buch also; empfehlen könnte und möchte ich es allerdings ebensowenig.

Thomas Lehr

Thomas Lehr wurde 1957 in Speyer geboren. 1979 bis 1983 studierte er Biochemie in Berlin. Für seinen ersten Roman "Zweiwasser oder Die Bibliothek der Gnade" (1993) erhilet er 1994 u.a. den Rauriser Literaturpreis für die beste deutschsprachige Erstveröffentlichung und den Mara Cassens Preis des Literaturhauses Hamburg für den Ersten Roman. 1994 erschien sein zweiter Roman, "Die Erhörung", für den er 1996 den Förderpreis Literatur zum Kunstpreis Berlin erhielt. Thomas Lehr lebt in Berlin.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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