Jonathan Coe - Klassentreffen

Originaltitel: The Closed Circle
Roman. (englischsprachiger Verlag) 2005
433 Seiten, ISBN: 0140294678

Es ist jetzt schon einige Jahre her, seit mich Jonathan Coe mit Erste Riten begeistert hat. Darin erzählt er die Geschichte von vier Freunden, die in den 70er Jahren in Birmingham aufwachsen, erzählt von Streiks, Schlaghosen und erster Liebe.

"The Closed Circle" setzt in der Gegenwart ein, und in der Zwischenzeit haben sich die Kräfteverhältnisse verschoben. Benjamin, der immer als vielversprechendes Talent gegolten hatte, ist nach wie vor nicht mehr als das: ein Talent. Immer noch nicht über das aprupte Ende seiner Beziehung zu Cicely hinweg, ist er zwar seit 16 Jahren verheiratet, aber immer noch kinderlos; genauso fruchtlos waren bislang auch seine literarischen Anstrengungen. Er schreibt nach wie vor an seinem großen Roman, an diesem Gesamtkunstwerk, das auch selbstkomponierte Musik enthalten soll und multimedial wirkt; doch bislang hat es außer ihm selbst noch niemand zu Gesicht bekommen.

Ganz anders sieht es mit seinem Bruder Paul aus: dieser ist der ein Member of Parliament, der jüngste MP überhaupt, immer bemüht, sich ins Rampenlicht zu setzen. Das ist auch der Grund, warum er sich dann wieder an den alten Freund seines Bruders, Doug, erinnert, der mittlerweile als politischer Kommentator bei einer großen Tageszeitung natürlich einiges an Einfluss für ihn bedeuten könnte.

Claire hingegen hatte Philip geheiratet - und sich relativ rasch auch wieder von ihm getrennt. Der gemeinsame Sohn lebt bei ihm; und sie selbst ist nach einigen Jahren in Italien nun auch wieder nach Birmingham zurückgekehrt.
Und wen trifft sie ganz zufällig in einer Buchhandlung? Benjamin, ausgerechnet Benjamin, in den sie immer ein wenig verliebt war. Und er, der so treue Ehemann, sitzt hier mit einer ausgesprochen attraktiven, aber noch sehr jungen Frau, und wirkt eindeutig bei etwas verbotenem ertappt.

Dabei ist zwischen den beiden wirklich nichts - oder zumindest nur in Benjamins Phantasie. Und kurz darauf ist ein Verhältnis ohnehin nicht mehr denkbar - um ihr bei ihrer Studienarbeit zu helfen, hatte Ben sie seinem Bruder Paul vorgestellt, und zwischen diesen beiden hatte es sofort gefunkt.

Eine Affäre ist für einen aufstrebenden Politiker natürlich nicht gerade publicity-trächtig; und so beschleunigen sich die Ereignisse, die das Leben der alten Freunde wieder einmal durcheinanderwirbeln...

Muss man "Erste Riten/The Rotters Club" gelesen haben, um dieses Buch hier zu verstehen? Ja, man muss. Unbedingt. Auch wenn im Anhang (zumindest der englischen Ausgabe) eine kurze Zusammenfassung des ersten Teils enthalten sind, braucht man doch die Hintergrundkenntnisse, um das besondere Verhältnis der Protagonisten untereinander zu verstehen.

Aber auch wenn Jonathan Coe es von Anfang an darauf angelegt hatte, eine Fortsetzung zu schreiben (das Ende des ersten Bands spielt bereits in der Zukunft, also heute), so erleidet "The Closed Circle" doch das typische Schicksal von Fortsetzungen: es kommt an den ersten Teil bei weitem nicht heran.

Es fehlt sowohl der ganz spezielle Humor, den Coe in seinen sonstigen Büchern so mühelos versprüht, und ich hatte beim Lesen lange den Eindruck, als hätte der Autor lange hin und her gewankt, bis er selbst wusste, wie sein Buch eigentlich weitergehen sollte, und uns diese Unsicherheiten nicht erspart.

Was ich wiederum mochte, ist die oft wirklich an den Haaren herbeigezogene, überzeichnete, aber dabei auch sehr charmante Art, wie Coe es schafft, wirklich so gut wie jeden Handlungsfaden am Ende zu schließen und solcherart ins Bild zu stopfen. Würde mich bei anderen Autoren wahrscheinlich nerven, aber hier hatte ich zumindest wieder das zuvor vermisste Augenzwinkern gesehen.

Kein Meisterwerk, aber insgesamt immer noch ein nettes Buch. Wer von diesem Autor aber noch nichts gelesen hat, sollte es lieber mit einem seiner anderen Bücher versuchen.

Jonathan Coe

Jonathan Coe wurde 1961 in Birmingham geboren. Er ist heute ein Star der Londoner Literaturszene; sein preisgekrönter Roman "Allein mit Shirley" wurde in fünfzehn Sprachen übersetzt. Er lebt mit seiner Frau und seinen zwei Töchtern in London.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


Neues aus dem LESELUST-Blog

Claude Lanzmann - Der patagonische Hase. Erinnerungen

Claude Lanzmann ist der Mann, der den Film "Shoah" geschaffen hat. Er hat als Filmemacher, Journalist, Lektor gearbeitet, sich schon in der Jugend in der Resistance organisiert, mit Simone de Beauvoir zusammengelebt, Angelika Schrobsdorff geheiratet… kurzum: ein ausgesprochen ereignisreiches Leben gelebt, von dem er in diesem Buch erzählt. Ein Zeitzeugnis, fürwahr - manchmal zwar aufgrund der Eitelkeit des Autors nur schwer erträglich, aber die letzten 200 Seiten, in denen er von der Enstehung seines Hauptwerks berichtet, lassen alle vorherigen Kritikpunkte zurücktreten. [..MEHR..]

Link zum Diskussionsforum

©25.01.2006 Daniela Ecker (Brezing) - - - Impressum - - - © 1998-2013 LESELUST Daniela & Markus Brezing