Colm Toibin - Das Feuerschiff von Blackwater

Originaltitel: The Blackwater Lightship
Roman. dtv Der TaschenbuchVerlag 2005
303 Seiten, ISBN: 3423133554

Die Ferien haben gerade begonnen, am Vorabend gab es ein großes, lautes Fest bei ihnen zu Hause, heute morgen nun hat Helen ihren Mann und die beiden Söhne schon mal in die Ferien vorausgeschickt, will noch einige Termine wahrnehmen und dann nachkommen - als kurz nach dem Entschwinden des Wagens ihrer Familie ein anderes Auto in der Straße auftaucht, und ein ihr unbekannter Mann sie dringend bittet, mitzukommen.

Helens Bruder Declan sei sehr krank, eine ganze Weile schon; nun ginge es ihm bereits so schlecht, dass er seine Familie um sich zu versammeln wünscht. Und es Helen überlässt, die schockierende Nachricht der Mutter zu übermitteln: Declan hat Aids.

Helen hat schon vor langer Zeit den Kontakt zu Mutter und Großmutter abgebrochen, erst im letzten Jahr hatte es eine vorsichtige erste Annäherung gegeben; ihre Fahrt zurück in die Landschaft ihrer Kindheit wühlt Erinnerungen in ihr auf, denen sie sich längst entwachsen glaubte.

Declan wünscht sich, noch einmal im Haus der Großmutter zu sein; alle fallen sie nun in diesem kleinen, abgeschiedenen Haus ein, die Mutter, Declans Freunde, Helen; eine Ansammlung, die nicht nur die Dorfbewohner misstrauisch und neugierig macht.

Auch Helen merkt, wie sie all die Demütigungen und Verletzungen der Kindheit neu durchlebt, den Tod des Vaters, das Abgeschobensein.

Es ist nicht nur die Auseinandersetzung mit dem bevorstehenden Tod, die ihnen allen zu schaffen macht; doch so wenig harmonisch die hier versammelte Gesellschaft auch ist, erweist sie sich als erstaunlich befruchtend.

Nachdem mir hier von Toibin so vorgeschwärmt worden war, wollte ich auch einmal eines seiner Bücher ausprobieren. Aber wie Tom mir schon sagte: "Das Feuerschiff von Blackwater" gehört nicht zu seinen Besten.

Es war gut zu lesen, es war interessant, die Auseinandersetzung mit Tod und Vergangenheit gut durchdacht - aber irgendwie war das alles schon mal dagewesen, wurde ich emotional nicht mitgenommen auf die Reise, habe ich für mich nichts mitnehmen können.

Seltsam distanziert blieben mir die Personen, fremd; eine Identifikation war mir zumindest so gar nicht möglich.

Insofern ist mein Fazit: gut zu lesen, nett, interessant, aber irgendwie ... belanglos. Trotzdem wird der Autor, schon aufgrund der vielen positiven Stimmen hier, noch eine Chance bei mir erhalten.

Colm Toibin

Colm Tóibín, 1955 in Irland geboren, veröffentlichte mehrere Sachbücher. Bereits sein erster Roman, "Der Süden", wurde von der Kritik enthusiastisch gefeiert. Tóibíns Bücher wurden mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. Er gilt als einer der interessantesten Schriftsteller der mittleren Generation.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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