Nadeem Aslam - Atlas für verschollene Liebende

Originaltitel: Maps for Lost Lovers
Roman. Rowohlt Verlag 2005
544 Seiten, ISBN: 3499244195

Den Namen der englischen Stadt, von der hier die Rede ist, erfährt der Leser nicht; bei den Menschen aus Pakistan, die hier leben, hat sie ohnehin einen ganz eigenen Namen, der mit dem auf dem Papier nichts zu tun hat, genauso, wie auch die Straßen anders benannt werden.

Und auch der Rechtsbegriff ist ein anderer, kein englischer; man denkt hier traditioneller, ist gläubig, lebt nach den Gesetzen Allahs. Und Allah hat es nun mal nicht erlaubt, dass Mann und Frau ohne Trauschein zusammenleben, so wie Jugnu und Chanda das taten. Diese Ehrverletzung muss gesühnt werden; und sie ist gesühnt worden, zumindest sind die beiden spurlos verschwunden, mit ziemlicher Sicherheit ermordet, von Chandas Brüdern.

Die Monate, bis es tatsächlich zu einer Aufklärung des Mordes kommt, bilden den zeitlichen Rahmen für diesen Roman. Shamas ist Jugnus älterer Bruder, er hatte ihn hierhergeholt, hatte sich an Jugnus unkonventioneller Lebensweise erfreut; Kaukab, Shamas Frau, konnte trotz ihrer großen Zuneigung zu Jugnu nicht darüber hinwegkommen, dass er in ihren Augen ein unverzeihliches Verhalten an den Tag legte.

Es ist ein Aufeinanderprallen von extremer Gläubigkeit, gepaart mit Unwissenheit, und dem Versuch einer toleranten Gesellschaft. Was alles in dieser Familie schon vorgefallen war, vom beinahe verhungern lassen eines Säuglings während des Ramadam, vom Beimischen von Bromid ins Essen, weil einer der Geistlichen es als heiliges Salz zur Beruhigung aufständischer Jugendlicher verkauft hatte, bis zur Verheiratung einer sechzehnjährigen mit einem sadistischen Verwandten in Pakistan; das sind nur einige der drastischen Details, mit denen versucht wird, dem Leser zu vermitteln, was alles im Namen einer Religion auch heute in einer westlichen Gesellschaft zugelassen wird.

Die Absicht des Autors, diesen radikalen Islamismus in all seiner Grausamkeit zu schildern, ist manchmal zu deutlich zu spüren, genauso wie er durch das Aufnehmen von immer noch mehr einzelnen Geschichten sich manchmal etwas verrennt und sehr einseitig wird, auch wenn die Sprache manchmal arg blumig wird und ich als Lektor eine ganze Menge Metaphern ersatzlos gestrichen hätte: Aslaam kann erzählen, kann mitreißen - und wenn man nicht zuviel von diesem Text erwartet, hat man eine gute, interessante Lektüre vor sich.

Nadeem Aslam

Nadeem Aslam wurde 1966 in Gujranwala, Pakistan, geboren, musste das Land wegen des Widerstands seines Vaters gegen das Zia-Regime als Jugendlicher verlassen, studierte in England Biochemie und Literatur und lebt heute in London

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


Neues aus dem LESELUST-Blog

Claude Lanzmann - Der patagonische Hase. Erinnerungen

Claude Lanzmann ist der Mann, der den Film "Shoah" geschaffen hat. Er hat als Filmemacher, Journalist, Lektor gearbeitet, sich schon in der Jugend in der Resistance organisiert, mit Simone de Beauvoir zusammengelebt, Angelika Schrobsdorff geheiratet… kurzum: ein ausgesprochen ereignisreiches Leben gelebt, von dem er in diesem Buch erzählt. Ein Zeitzeugnis, fürwahr - manchmal zwar aufgrund der Eitelkeit des Autors nur schwer erträglich, aber die letzten 200 Seiten, in denen er von der Enstehung seines Hauptwerks berichtet, lassen alle vorherigen Kritikpunkte zurücktreten. [..MEHR..]

Link zum Diskussionsforum

©07.11.2005 Daniela Ecker (Brezing) - - - Impressum - - - © 1998-2013 LESELUST Daniela & Markus Brezing