James Hamilton-Paterson - Kochen mit Fernet-Branca

Originaltitel: Cooking with Fernet Branca
Roman. Klett Cotta 2005
364 Seiten, ISBN: 3608937609

Als Gerald sich das kleine, völlig abgeschiedene Häuschen im nördlichen Teil der Toscana kauft, freut er sich auf Stille, Erholung, völlige Abgeschiedenheit.

Das hatte der Makler allerdings nicht nur ihm versprochen, wie sich nur zu rasch herausstellt, sondern auch Marla, die die kleine Hütte nebenan gekauft hat - und gar nicht daran denkt, nur ein paar Wochen im Jahr und völlig zurückgezogen da zu leben. Schließlich ist sie Komponistin für Filmmusik, und ihre Kreationen beschallen auch Geralds Anwesen zur Genüge.

Der hält sich selbst allerdings auch nicht zurück; schließlich kann er weder etwas handwerkliches arbeiten und schon gar nicht kochen ohne dabei Opernarien von sich zu geben, ohne dabei die Töne wirklich zu treffen.

Wie man sich denken kann, halten beide nicht viel voneinander. Für sie ist er ein englischer Dudi, prominentengeil und natürlich Alkoholiker; dieses Urteil übereinander zumindest teilen sie, denn auch er kann sich nicht vorstellen, was sie mit den ganzen Flaschen Fernet Branca im Sinn hat.

Nach unzähligen Verwicklungen stellen sie dann doch fest, dass sie sich ineinander getäuscht haben; dass Marla tatsächlich Filme vertont, dass Geralds Besuch tatsächlich ein berühmter Popmusiker ist, dessen Biographie Gerald schreiben soll.

Aber dazu kommen noch jede Menge falscher Anschuldigungen, errichteter Zäune, und natürlich: Fernet Branca...

... den findet man auch in beinahe jedem Gericht, das Gerald kreiert. Und er erfindet derer wahrlich viele, in den ausgefallensten Kreationen, inklusive geräucherter Katzen, ich erinnere mich sogar an einen Hund, der da entbeint werden soll. Allzu pingelige Kleintierliebhaber sind mit dem Buch also schon mal falsch beraten; aber auch sonst kann ich mich den Lobeshymnen, die ich in der britischen Presse dazu gefunden habe, nicht anschließen.

Ja, es ist eine Satire, und ja, es sind jede Menge Anspielungen und Wortspiele enthalten, aber... es trifft meinen Humor so überhaupt nicht. Zu Beginn, die ersten 20 Seiten, war ich aber noch sehr angetan und dachte an ein schönes, leichtes Sommerbuch.

Die Geschichte wird alternierend aus der Sicht Geralds und Marlas erzählt, ein uraltes Stilmittel, das mich hier aber zunehmend genervt hat, zumal Geralds Tonfall auch immer manirierter wurde.
Auch wenn man die tatsächlichen Verwicklungen nicht unbedingt vorwegnehmen könnte, ist die allgemeine Richtung doch nur zu klar. Ja, es ist eine Satire, aber auch da könnte doch ein bisschen Überraschung dabei sein, oder habe ich falsche Erwartungen?

Der Grund, warum man an dem Buch Spaß haben kann liegt jedenfalls sicher nicht in der eigentlichen Handlung, die immer absurder wird, sondern wenn, dann an den Anspielungen und Verballhornungen (Under a Tuscan Son ist eine der gelungensten).

Und da frage ich mich dann schlussendlich: wie kommt es, dass ein für mich so seichtes Buch es auf die Shortlist des Bookerprizes schafft…

James Hamilton-Paterson

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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