Nicole Krauss - Die Geschichte der Liebe

Originaltitel: The History of Love
Roman. Rowohlt Verlag 2005
346 Seiten, ISBN: 3498035231

Für Leo Gursky hatte es zeitlebens nur eine Frau gegeben: Alma. Sie kannte er schon als Kind in dem kleinen polnischen Städtchen, sie war die erste, die ihn küsste, und sie war es auch, für die er schrieb, erst das Wahre, dann das Erfundene, und dann eine Mischung aus Beidem - Die Geschichte der Liebe.

Aber dieses Buch konnte er ihr schon nicht mehr direkt zu lesen geben, da war Alma schon in Amerika, und nur Auszüge daraus schreibt er ihr in seinen Briefen. Und bald schon kann er ihr gar nicht mehr schreiben, weil die Deutschen sein Städtchen überrollt haben.

Als er Jahre später doch noch nach Amerika kommt und seine Alma sucht, ist sie mit einem anderen verheiratet, und das Kind, das ihrer beider ist, weiß nichts von ihm.

Und "Die Geschichte der Liebe"? Die hatte Leo noch zu Kriegszeiten einem Freund anvertraut, der dann nach Chile ausgewandert war; und wiederum aus Liebe war dieses Buch dann, in spanischer Orignialsprache und mit veränderten Namen sogar erschienen und das erste Geschenk von David Singer an seine zukünftige Frau gewesen, die ihre Tochter nach der Alma des Buches benannten.

Jahre später, als Leo seinen ersten Herzinfarkt schon hinter sich hat und sich erneut an die Schreibmaschine setzt, um die Geschichte der Wörter zu verfassen, hat Alma ihren Vater verloren und versucht nun, einen neuen Mann für ihre Mutter zu suchen. Irgendwie ahnt sie, dass sie das nur mit "Der Geschichte der Liebe" tun kann, und macht sich auf die Suche nach ihrer Namenspatronin, der Alma aus dem Buch, deren Spuren sie tatsächlich findet...

Wenn man von einigen offenen Handlungssträngen am Ende absieht und der etwas mutwillig gebogenen Logik, dann kann man sich von diesem Roman nur mitnehmen lassen auf eine eigenwillige Geschichte voller Wärme, Traurigkeit und Hoffnung - und Poesie.

Abwechselnd erleben wir die Geschichte aus der Perspektive des mittlerweile 80jährigen Leo Gursky und der vierzehnjährigen Alma; wobei gerade die sehr langen Anfangskapitel aus Leos Sicht einfach grandios geschrieben sind. Etwas Wehmut und Resignation vermischt mit unverbrüchlichem Lebenswillen, dazu eine gehörige Portion Sturheit und Kauzigkeit; ich hatte beim Lesen immer zwischen Lachen und einem klitzekleinen bisschen Rührung geschwankt.

Entsprechend fand ich auch den Lebensweg dieses alten Mannes, dem eigentlich alles genommen wird, das Buch, die Frau, das Kind, und der dennoch immer weitermacht, überzeugender als die Geschichte rund um das Mädchen, das sich auf den Weg macht, eine Romanfigur im heutigen New York leibhaftig zu finden.

Wobei vielleicht gerade in dieser Suche die Parallele zum Werk ihres Mannes, Jonathan Safran Foers, liegt - soviel ich aus den Kritiken weiß, ist bei ihm ein Junge nach dem 11.9.01 ebenfalls auf der Suche nach einem Menschen, den er nicht kennt.

Auch wenn ich mit Foer wenig anzufangen wusste - seine Frau hat mich bezaubert mit dieser ebenfalls ziemlich wilden, aber mit vielen schönen Bildern versehenen Sprache. Nur die Übersetzung (Grete Osterwald) kam mir an manchen Stellen holprig vor, da hatte ich manchmal den Eindruck, dass allzu wörtlich übersetzt wurde.

Nicole Krauss

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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