Ian McEwan - Saturday

Originaltitel: Saturday
Roman. Diogenes 2005
400 Seiten, ISBN: 3257236271

Henry Perowne, erfolgreicher Neurochirurg, glücklicher Familienvater, erwacht am sehr frühen Samstagmorgen des 15. Februar 2003 voller Energie und Tatendrang.

Doch innerhalb weniger Minuten ist die morgendliche Euphorie verflogen; vom Fenster aus beobachtet er etwas, was er erst als Komet betrachtet, bevor er es als brennendes Flugzeug beim Anflug auf die Innenstadt identifiziert.

Brennende Flugzeuge über Stadtraum sind seit dem 11. September 2001 untrennbar mit der Vorstellung von Terror verbunden; auch Henry Perownes Gedanken kreisen darum, alle westlichen Großstädte müssten damit rechnen, Ziel eines Anschlags zu werden, kreist es in seinem Kopf.
Die Wirklichkeit hat ihn eingeholt, wenige Tage vor Erscheinen der deutschsprachigen Ausgabe fand ein Anschlag auf das Londoner Untergrundbahnsystem statt, und in jeder seither veröffentlichten Kritik wird natürlich darauf Bezug genommen.

Das brennende Flugzeug entpuppt sich rasch als Unfall, und außer einer kleinen Irritation bleibt erstmal nicht viel zurück bei Henry. Er trinkt einen sehr frühen Kaffee mit seinem Sohn, versucht, sich mit ihm über Weltpolitik zu unterhalten und ist ein wenig enttäuscht, weil dieser sich zwar offensichtlich Mühe gibt, mit ihm zu diskutieren, aber ohne Leidenschaft dabei ist.
Politik und Weltgeschehen, so sinngemäß, würden ihm ein Gefühl der Beklemmung und HOffnungslosigkeit verursachen, und nur in der Betrachtung des Kleinen, einer Verabredung mit seiner Freundin oder ähnlichen Kleinigkeiten, könnte er den Mut und die Freude finden, die zum Leben nötig sind.

Henry legt sich nochmals ins Bett, liebt seine Frau, macht sich etwas später dann fertig für das Squash-Spiel mit seinem amerikanischen Kollegen (wie jeden Samstag), freut sich an seinem teuren Auto. Beim Losfahren hatte er nicht bedacht, dass die Innenstadt wegen der Antikriegsdemonstrationen gesperrt sein würde; und dann passiert es. Beim Einbiegen in eine Straße stößt er mit einem anderen Wagen zusammen, dessen Insassen offensichtlich weniger auf eine ordnungsgemäße Regelung als auf primitive Rache aus sind. Einen Schlag vor die Brust erhält er auch, bevor er durch einen Kommentar zum Nervenleiden des Anführers die Gruppe aus dem Konzept bringt.
Das ist der erste ziemlich holprige Bruch; es mag alles stimmen, was über die Krankheit gesagt wird, über ihre Erscheinungsformen, die Wechselhaftigkeit der Emotionen; aber der Umschwung in der Geschichte, der dadurch passiert, verursachte bei mir zumindest vorwiegend Irritation.

Henry entkommt der Situation also, er beginnt sein Squash-Spiel, wärmt sich auf, sie beginnen ihren sportlichen Wettkampf, geraten über einen auslegungsbedürftigen Ballwechsel in Streit - und der McEwan ist wieder da, der einfach großartig schreiben kann und aus einer so banalen Sitatuion ein kleines Drama werden lässt. Unterschwellige Aggressionen, Reinfallen lassen in schlechte Stimmung, die Schwierigkeit, einen Fehler einzugestehen, die Erleichterung, wenn es geschehen ist, der Wechsel vom störrischen Kind zum Erwachsenen - es ist für mich eine der gelungensten Szenen des Buches.

Weiter gehts mit den Banalitäten des Alltags; einkaufen für das Familienessen am Abend, ein Besuch bei der dementen Mutter, danach ein Abstecher ins Studio, in dem sein Sohn gerade mit seiner Band probt, nach Hause, Zubereitung des Abendsessens, Auftauchen der Tochter, eine kleine Unstimmigkeit, gerade über die Antikriegsdemonstration, dann der schwierige Schwiegervater, und zuletzt kommt seine Frau nach Hause - doch nicht allein.

Der Unfall vom Morgen hat Folgen, und der nervenkranke Angreifer ist nun zurück, mit dem Messer am Hals von Henrys Frau, schlägt dem Schwiegervater eine blutige Nase, zwingt die Tochter, sich auszuziehen - und lässt sich ausgerechnet durch das Zitieren eines Gedichts soweit beruhigen, dass er dann schlussendlich von Henry und seinem Sohn überwältigt werden kann. Pech, dass er dabei mit dem Kopf so unglücklich aufschlägt, dass er dann natürlich vom besten Arzt operiert werden muss - und dieser Arzt ist natürlich Henry.
Und schon ist der Tag auch wieder rum.

Es gibt sehr viele tolle Stellen in diesem Roman; immer dann, wenn McEwan ausgehend von einer banalen Alltagssituation einen inneren Aufruhr für den Leser nachvollziehbar macht.
Und trotzdem funktioniert es für mich als Roman, als Gesamtes, nicht: die Handlung ist zu konstruiert, der Einbruch der Gewalt ins ansonsten relativ ungetrübte Mittelstandsglück wirkt seltsam deplaziert und vor allem unglaubwürdig. Gerade diese Gratwanderung hatte der Autor für mich in früheren Romanen, beispielsweise in "Der Trost der Fremden" wunderbar geschafft.

In Interviews war zu lesen, dass McEwan mit diesem Roman, mit der Figur des Henry, den Versuch wagen wollte, Glück zu beschreiben. Ein schwieriges Unterfangen, das Glück der anderen ist beim Betrachten durch andere sehr schnell langweilig...

Dass der Autor diesen Roman auch dazu nutzt, einen politischen Kommentar abzugeben, sich zum Thema Irakkrieg, Terror zu positionieren, war mir zwar manchmal etwas zu viel, aber an sich empfinde ich es als guten und mutigen Versuch, die Realität unserer Gegenwart massiv in die Literatur einzubinden.

Ein etwas zwiespältiges Urteil also zu diesem von mir sehnsüchtig erwarteten Roman; kein großartiger Roman, aber immer noch ein sehr lesenswertes Buch.

Ian McEwan

Ian Mc Ewan, geb. 1948 in Aldershot, verbrachte seine Kindheit in England, Singapur und Nordafrika. Nach einem Philologiestudium war er einziger Student eines "Creative Writing"-Kurses bei Malcolm Bradbury. Seine Magisterarbeit bestand aus einer Reihe von Kurzgeschichten, die später unter dem Titel "Erste Liebe, letzte Riten" veröffentlicht wurden und ihm den Somerset-Maugham-Preis einbrachten. Er lebt heute mit seiner zweiten Frau und den beiden Söhnen aus erster Ehe in Oxford und London. 1998 wurde ihm für "Amsterdam" der begehrte Booker-Preis verliehen, und im folgenden Jahr der Shakespeare-Preis der Alfred-Toepfer-Stiftung für das Gesamtwerk. Für "Abbitte" erhielt er 2001 den People´s Booker.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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