Donna Leon - Beweise, dass es böse ist

Originaltitel: Doctored Evidence
Krimi. Diogenes 2005
352 Seiten, ISBN: 3257064748

Ich kanns nicht lassen... ich hätte zwar mit Sicherheit schon seit geraumer Zeit keinen LEON mehr gekauft, aber so... schimpfe ich zwar jedes Mal, wenn ich einen gelesen habe, schwöre mir: dieser war aber der Letzte, und greife im Jahr drauf trotzdem wieder zu.

Genug geschwafelt, kommen wir zum Buch.

Dottore Calotti ist auf seiner Hausbesuchsrunde, und eine seiner verhasstesten Stationen ist die wöchentliche Visite bei Signora Battestini, einer alten, bösartigen, unangenehmen Frau, die seit längerem nicht mehr in der Lage war, für sich selbst zu sorgen, aber dafür dank eines hervorragenden Allgemeinzustands sicher noch ewig leben würde - wenn sie nicht von jemandem ermordet worden wäre, denn das war der Anblick, der sich dem Dottore in dieser Woche bot.

Für Tenente Scarpa war der Sachverhalt rasch klar: alte Frau tot, ihre Haushälterin - eine Rumänin, erst seit vier Monaten bei der Frau beschäftigt (länger hatte es nie jemand mit ihr ausgehalten), sicher illegal, und vor allem: verschwunden.
Scarpa handelt rasch: die Grenzbeamten sollen den Zug nach Zagreb durchsuchen, er vermutet, dass die Frau sich nach Hause flüchten will. Und richtig wird sie auch entdeckt, mit nichts bei sich als einem Plastikbeutel, völlig verschüchtert - und als sich ihr die Gelegenheit bietet, läuft sie weg. Direkt in den nächsten Zug hinein.

Für Scarpa ist der Fall damit erledigt, der Fall zwar nicht offiziell geschlossen, aber zu den Akten gelegt.

BIs dann, Wochen später, eine junge Frau in die Questura kommt, die unbedingt eine Aussage machen will: die Rumänin könne die alte Frau nicht getötet haben, sie selbst habe sie noch zum Zug gebracht und ihr 700 € in die Hand gedrückt. Und die Alte sei höchst lebendig am Fenster gestanden und hätte die Rumänin einfach nicht mehr ins Haus gelassen, sie verjagt, ohne ihr auch nur den vereinbarten Lohn zu zahlen oder sie ihre Sachen holen zu lassen.

Scarpa passt das nicht ins Konzept. Doch da schaltet sich dann Brunetti ein, der ihr aufmerksam zuhört und seine eigenen Schlüsse zieht - und zu ermitteln beginnt.

Dass die Alte nirgendwo beliebt war, dazu bedarf es keines kriminalistischen Spürsinns, es zu entdecken. Dass sie vier geheime Konten hatte, auf die monatlich Geld einbezahlt wurde, schon eher - und nun fängt Brunetti an zu graben, wen die Alte wohl erpresst haben könnte, und womit...

Bis zum Auftauchen von Brunetti war ich eigentlich recht positiv überrascht; der Fall fing spannend an, war flüssig geschrieben, die Autorin ersparte dem Leser allzu nervige Wertungen des Geschehens; aber mit dem Auftauchen des Helden musste die Unterteilung in Gut und Böse natürlich wieder ganz klar einsetzen, müssen Vorurteile gepflegt werden ("trau nie einem Advokaten") und vor allem muss endlich Essen auf den Tisch kommen.

Leider sind ihre Bösewichte - und damit sind jetzt nicht die zu suchenden Mörder, sondern die schlechten Polizisten etc. gemeint - nicht besonders raffiniert oder intelligent, ihre Schwärze tragen sie geradezu auf einem Banner vor sich her, sie verbergen sich nicht und sind damit, zumindest für mich, ausgesprochen langweilig.

Auch Elettra und ihre dubiosen Quellen verkommen immer mehr zur Karrikatur.

Der Fall an sich löst sich nach einigen falschen Fährten dann in Windeseile auf - und meine Leselustkurve sank langsam und gemächlich, hat aber immerhin keinen absoluten Tiefpunkt erreicht. Im Vergleich zu ihrem letzten Fall hat dieser mich immerhin nicht fadisiert, und bei aller Meckerei: man weiß ja schließlich, worauf man sich einlässt, Donna Leon schreibt weiter nach ihrem altbewährten Muster, das ihr auch weiterhin große Leserscharen sichern wird, und wird sich auf keinen Fall weiterentwickeln.

Insofern war sogar ein solider 3***-Krimi...

Donna Leon

Donna Leon wurde 1942 in New Jersey geboren, wo sie auch ihr Universitätsstudium abschloss. Gegenwärtig lehrt sie Englische Literatur in Vicenza, an einer Außenstelle der Universität Maryland in einem US-Luftwaffenstützpunkt bei Venedig, wo sie auch lebt.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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