Milan Kundera - Der Scherz

Originaltitel: Zert
Roman. dtv Der TaschenbuchVerlag 1998
350 Seiten, ISBN: 3423125217

Ludvig Jahn ist Anfang 20, Student, und sehr verliebt in Markéta. Verärgert darüber, dass sie ihn auf ihrem Lehrgang so gar nicht zu vermissen scheint, schreibt er ihr eine Postkarte:
Optimismus ist das Opium der Menschheit! Ein gesunder Geist mieft nach Dummheit! Es lebe Trotzki! Ludvik

Es sollte nur ein Scherz sein, war nur darauf abgezielt, dass Markéta, die trotz aller Intelligenz auch eine erfrischende Naivität an den Tag legte, zu provozieren.

Provoziert fühlten sich jedoch ganz andere, und so sieht Ludvik sich bald darauf vor der versammelten Parteigruppe stehen, um sich wieder und wieder zu rechtfertigen. Scherze sind in der kommunistischen Partei nicht vorgesehen; wer so etwas im Scherz schreiben kann, muss es zumindest schon einmal gedacht haben. Das, und dann noch die individualistische Haltung, die ihm ohnehin vorgeworfen wurden, tun ihr übriges: Ludvig wird aus der Partei ausgeschlossen. Alle seine einstigen Kameraden, alle Freunde, alle heben sie die Hand, als es zur Abstimmung geht. Aber nicht nur aus der Partei, auch aus der Hochschule wird er ausgeschlossen.

Der aufgeschobene Militärdienst wird dadurch nun unvermeidbar. Ausgerechnet zur schlimmsten aller Gruppen wird er eingeteilt - den Schwarzen, der Kolonne, die unter Tag schuften musste, in Kasernen gedrillt wurde, aber dabei keine Waffen tragen durfte.

Lange lehnt sich Ludvig gegen sein Schicksal auf, erklärt sich und allen, dass er hier nicht hingehöre, dass er…
bis auch ihm gewahr wird, dass diese Gemeinschaft, der er sich zugehörig fühlt, ihn ausgestoßen hat. Auch andere hier teilen sein Schicksal, er findet Freunde unter ihnen. Und er verliebt sich; auf seinen wenigen Ausgängen trifft er eine junge, stille Frau, geht mir ihr spazieren, schreibt ihr lange Briefe…
eine sehr keusche Beziehung, bis er dann die Gelegenheit erhält, mit ihr alleine in einem Zimmer zu sein. Sein Versuch, mit ihr zu schlafen, zerstört alles zwischen ihnen. Wenige Tage später ist sie fort.

Ludvig begegnen wir 15 Jahre später wieder. Nach seinem Zwangsdienst beim Militär, einem Gefängnisaufenthalt wegen versuchter Flucht, durfte er dann doch zu Ende studieren, und er ist auch der Partei wieder beigetreten. Ein alter mährischer Brauch und eine kleine Liebesgeschichte haben ihn nun hier in seine Heimatstadt zurückgebracht; immer noch ist sein Groll gegen jene groß, die ihn damals fallen lassen haben, und er glaubt nun ein Mittel zu haben, auch diesen zu verletzten. Doch auch dieser Versuch geht nach hinten los…

Ja, das Buch hat durchaus einige kleine Schwächen, ist in sich nicht immer ganz stimmig, hat ein paar Längen, und die Frauenfigur ist in meinen Augen auch nicht besonders gut gezeichnet.

Aber der Idealismus, mit dem der Ich-Erzähler als junger Mensch in die Partei eintritt, daran glaubt, für eine bessere Welt zu sorgen, und seine Ernüchterung, als er selbst an den Rand gestellt wird, sind ein großartiges Zeitzeugnis. Kundera zeigt ja auch die unterschiedlichen Strömungen, denen der Kommunismus in dieser Zeit unterworfen war.

Ich empfand das Buch als sehr kritisch; ich musste mir dann auch immer wieder vor Augen führen, dass es 1965 geschrieben wurde und 1967 erstmals erschien (es wurde sogar 1968 verfilmt). Kundera war ja sehr aktiv an der Reformbewegung beteiligt, wurde auch selbst in den 50ern aus der Partei ausgeschlossen, er kennt also, was er hier beschreibt, auch aus eigener Erfahrung.

Ein sehr vielschichtiger Roman und ein hochinteressantes Zeitzeugnis.

Milan Kundera

Milan Kundera wudre 1929 in Brünn / Böhmen geboren. Nach dem Krieg schlug er sich als Arbeiter und Jazzmusiker durch. 1975 ging er ins Exil nach Frankreich, wo er seither lebt und publiziert.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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