Wolfgang Schömel - Ohne Maria

Originaltitel: Ohne Maria
Roman. Klett Cotta 2004
299 Seiten, ISBN: 3608935703

Christoph Madlé, ein gescheiterter Intellektueller, liegt auf der Analysecouch seiner etwas zu attraktiven Ärztin. Er redet von Maria, seiner Geliebten, die er nicht vergessen kann, von seinen ersten Treffen mit ihr und davon, wie sie plötzlich rätselhaft aus seinem Leben verschwand. Beruflich ging es ihm damals gut, er etablierte sich als Rundfunkmitarbeiter, Ghostwriter und schließlich als Biograph des alten, reichen Unternehmers Jungmann. Nach einigen Monaten, während eines Portugalaufenthaltes, taucht Maria wieder auf. Eine Liebesgeschichte beginnt, anrührend, verwirrend und mit einem dramatischen Ausgang, der Madlé aus seiner Lebensbahn wirft.

Erzählt wird auf mehreren Zeitebenen; wir begegnen Christoph Madlé 10 Jahre nach seiner Beziehung mit Maria, er lebt jetzt in Hamburg, ist von der Sozialhilfe abhängig, geht zur Psychiaterin, wir wissen noch, dass er einen schweren Unfall hatte, bei dem das Bein lädiert wurde, und dass das alles nach dem Verschwinden von Maria vorfiel, ein Verschwinden, mit dem er nach wie vor nicht klarkommt, weswegen er nun auch anfängt, seine Erinnerungen an Maria in einem längeren Prosatext niederzuschreiben.

Begegnet war er ihr das erste Mal beim Spazierengehen im Wald; und obwohl er sonst die Nähe von Menschen in der Natur schlecht ertragen konnte, fühlte er sich doch von ihr angezogen. Sie treffen sich wieder, eine leise Beziehung beginnt, doch gibt es auch viele Situationen, in denen Christoph Maria nicht versteht, sich ihr unendlich fern fühlt.

Und dann ist sie weg. Sagt ihm noch, dass es keinen Sinn hat, sie keine Beziehung führen kann, und ist fortan nicht mehr erreichbar.

Ziemlich gleichzeitig werden endlich auch seine Anstrengungen, beruflich eine Basis zu finden, von Erfolg gekrönt. Er rezensiert nun für den Rundfunk, und fängt bei einer Agentur auch an, als Ghostwriter für die Wirtschaft zu schreiben. Diese kleine EInmann-Agentur beschäftigt auch eine hübsche Sekretärin, Ingrid, mit der Christoph ein Verhältnis beginnt; aber erst erhält er noch ein berufliches Angebot, das ihn für längere Zeit bindet, ihn finanziell erstmal ziemlich unabhängig macht - er soll die Biographie eines reichen Industriellen verfassen.

Dieser Mann ist ihm auf Anhieb symphatisch; beiden ist eine gewisse Hoffnungslosigkeit zu eigen, eine Art, Dinge zu hinterfragen, sich mit dem Thema Schuld und Verantwortung zu beschäftigen, die sie eint.

Nach Kindheits-, Kriegs- und ersten Ehe-Geschichten kommt das, was den Industriellen wirklich umtreibt: seine Beziehung zu seiner zweiten, sehr viel jüngeren Frau, die er sehr liebte, aber nicht verstand und nicht glücklich machen konnte. Sie hatte sich umgebracht; eine Schuld, an der er immer noch trägt.

Diesen Teil seiner Biographie erzählt er Madlé in Portugal, im Ferienhaus, in das er ihn mitgenommen hatte; hier würde auch noch Besuch erwartet, erfährt Madlé dann später auch - und so trifft er Maria wieder, die Tochter, die mit dafür verantwortlich war, dass er diese Aufgabe übertragen bekommen hatte, um so mit indirekt in Kontakt bleiben zu können, während sie sich in einer Klink emotional wieder stabilisieren ließ.

Eine glückliche Zeit beginnt, die Zeit für sie beide, in der sie zusammenleben... doch sie hält nicht lange an...

Noch mehr vom Inhalt zu verraten wäre für den zukünftigen Leser nicht fair; dass die Beziehung zu Maria nicht von Dauer sein wird, ahnt man schon anhand des Titels.

Was mir an diesem BUch dann noch ausnehmend gut gefallen hat, ist die Art und Weise, wie er die komplizierte Beziehung beschreibt, in der nicht einfach Glück und Liebe vorherrschen, sondern auch das Unverständnis, Genervtheiten und Alltag thematisiert werden. Auch die schwermütige Grundeinstellung Madlés, sein Verhältnis zu Schuld, wird im Laufe des Buches immer eindringlicher und verständlicher.

Anfangs, als man vom Ich-Erzähler hauptsächlich weiß, dass er gescheitert in Hamburg sitzt und einer seit langer Zeit vergangenen Liebe nachhängt, da war mir wohl auch diese sich-gehenlassen zu fremd und unverständlich; ein Mensch ohne Antrieb, so erschien er mir, und entsprechend fand ich ihn auch eher langweilig.
Doch wenn dann die Vorgeschichte langsam Formen annimmt und man Madlé auch durchaus als aktiven Gestalter seines Lebens kennenlernt, wird gerade dieser Bruch erst recht interessant.

Dazu kommt, dass Schömel sprachlich für mich sehr überzeugend war. Er findet unverbrauchte, treffende Bilder. Die Zeitebenen sind sehr geschickt ineinander verwoben; es gibt zwar durchaus einige Holprigkeiten im Plot, die verbesserungswürdig wären, doch hat das mein Lesevergüngen nicht beeinträchtigt.

Insgesamt eine wirklich lohnende Lektüre.

Wolfgang Schömel

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


Neues aus dem LESELUST-Blog

Claude Lanzmann - Der patagonische Hase. Erinnerungen

Claude Lanzmann ist der Mann, der den Film "Shoah" geschaffen hat. Er hat als Filmemacher, Journalist, Lektor gearbeitet, sich schon in der Jugend in der Resistance organisiert, mit Simone de Beauvoir zusammengelebt, Angelika Schrobsdorff geheiratet… kurzum: ein ausgesprochen ereignisreiches Leben gelebt, von dem er in diesem Buch erzählt. Ein Zeitzeugnis, fürwahr - manchmal zwar aufgrund der Eitelkeit des Autors nur schwer erträglich, aber die letzten 200 Seiten, in denen er von der Enstehung seines Hauptwerks berichtet, lassen alle vorherigen Kritikpunkte zurücktreten. [..MEHR..]

Link zum Diskussionsforum

©25.06.2005 Daniela Ecker (Brezing) - - - Impressum - - - © 1998-2013 LESELUST Daniela & Markus Brezing