Donnerleser über Agota Kristof – Das große Heft (Le grand cahier)

leserunde_kristofNach meinem ureigenen Eindruck nun meine Wahrnehmung unserer Diskussion.

In großer Runde haben wir uns am Donnerstag abend getroffen, um über diesen Roman von Agota Kristof zu sprechen. Etwa die Hälfte der Runde war auch im Kino um die Verfilmung zu sehen und die filmische Umsetzung mit der Romanvorlage vergleichen zu können.

Was gleich zu Beginn auffiel war, dass durchaus unterschiedliche Assoziationen zur zeitlichen und geographischen Verortung des Geschehens vorhanden waren. Während die einen es ganz klar in Ungarn, in der Zeit des zweiten Weltkriegs und danach, also etwa den Zeitraum von 43 – 49 ansiedelten, gab es auch (zumindest während der ersten 50 Seiten) die Verbindung zum besetzten Frankreich. Ob es sich bei den Besatzern um Nazis gehandelt hatte, darüber herrschte nicht sofort Einigkeit. Im Film wurde diese Lesart ebenfalls gewählt. Wir waren uns jedoch alle einig, dass diese Details auch nicht wesentlich für den Roman wären, da es doch eine abstrakte Dartsellung von Krieg und Gewalt ginge.

Der Text hat allerdings nicht für alle funktioniert. Weiterlesen

Agota Kristof – Das große Heft (Le grand cahier)

kristof-heftDieser Roman wird heute von meinem Donnerstagslesekreis besprochen – und ich bin schon sehr gespannt auf die Diskussion! Und auch darauf, wie meine eigene Meinung dadurch weiter beeinflusst wird, mein Blickwinkel erweitert.

“Das große Heft” ist das Hauptwerk der ungarischstämmigen Autorin Agota Kristof. Es handelt von Zwillingsbrüdern, die neunjährig von ihrer Mutter zur Großmutter aufs Land gebracht werden, in eine Grenzstadt (das letzte Haus vor dem Grenzposten). Mutter und Tochter hatten schon jahrelang nicht mehr miteinander gesprochen, es gab böses Blut zwischen beiden – und doch bat die Tochter, die Enkelkinder mögen hier bei der Großmutter vor dem Mangel in der großen Stadt bewahrt werden.

Sie macht es ihnen nicht leicht, die Großmutter. Sie bietet ihnen nichts zu Essen an, keine warme Schlafstatt. Sie gilt ihrer Umgebung als Hexe, als Frau, die ihren eigenen Mann getötet haben soll. Ihr Leben besteht aus Arbeit, aus schwerer Arbeit – und nach einer Woche greifen die Zwillinge mit an. Nicht aus Hilfsbereitschaft, sondern aus einer moralischen Überlegung heraus. Weiterlesen

Terézia Mora – Das Ungeheuer

ungeheuerDarius Kopp und seine Frau Flora sind dem geneigten Leser ja schon aus “Der einzige Mann auf dem Kontinent” bekannt. Und ehrlich gesagt: als ich dieses Buch damals beendet hatte, war ich sehr froh, dass meine Zeit mit den beiden nach fast 400 Seiten dann vorbei war. Im Gegensatz zu den Rezensenten der großen Zeitungen sind die beiden mir nämlich nicht ans Herz gewachsen – so dass ich, als ich las, “Das Ungeheuer” wäre ein Fortsetzung, auch sicher war, dieses Buch nicht zu lesen.

Aber dann landete es auf der Shortlist für den deutschen Buchpreis. Und wieder las ich die Kritiken der Tageszeitungen, die das Buch durch die Bank in den Himmel loben. “Unvergesslich” wäre das Personal dieses Romans, schwärmt Rainer Moritz in der NZZ. “Feinsinnig und bewegend” schreibt Karl-Markus Gauß. “Tiefer ist Terézia Mora noch nie in die Abgründe hinabgestiegen, um die Bodenlosigkeiten heutigen Lebens auszuloten” schreibt Sigrid Löffler. Konnte ich da noch länger an dem Buch vorbeigehen? Nein. Kam ich zum selben Urteil wie die Kritiker? Nein. Weiterlesen

Agota Kristof – Die Analphabetin (L’Analphabète) – gelesen von Hannelore Hoger

kristof-analphabetinAgota Kristof – dieser Name begegnete mir in Diskussionen in der Leselust immer wieder, doch dachte ich, es wäre nicht unbedingt eine Autorin, die mir liegen würde.

Dieses kurze Hörbuch, die autobiographische Erzählung, hat mich jedoch eines Besseren belehrt. Mit ganz schlichten, unprätentiösen und vor allem auf gänzlich unsentimentale Weise erzählt die Autorin hier (zwar in der Ich-Form, aber doch immer in erzählerischem Kontext) von einer zwar ärmlichen, aber glücklichen Kindheit; davon, wie sie schon mit 4 Jahren lesen konnte, weil sie zur Strafe so häufig zum Vater, der Dorfschullehrer war, in die Klasse geschickt wurde, wo sie dann stillzusitzen hatte.

Worte, Geschichten – sie sind wie die Luft zum Atmen für das Mädchen, das schon früh anfängt, selbst Geschichten zu erfinden und zu erzählen, besonders gern dem kleinen Bruder, der leicht zu beeindrucken ist. Weiterlesen