Agota Kristof – Das große Heft (Le grand cahier)

kristof-heftDieser Roman wird heute von meinem Donnerstagslesekreis besprochen – und ich bin schon sehr gespannt auf die Diskussion! Und auch darauf, wie meine eigene Meinung dadurch weiter beeinflusst wird, mein Blickwinkel erweitert.

“Das große Heft” ist das Hauptwerk der ungarischstämmigen Autorin Agota Kristof. Es handelt von Zwillingsbrüdern, die neunjährig von ihrer Mutter zur Großmutter aufs Land gebracht werden, in eine Grenzstadt (das letzte Haus vor dem Grenzposten). Mutter und Tochter hatten schon jahrelang nicht mehr miteinander gesprochen, es gab böses Blut zwischen beiden – und doch bat die Tochter, die Enkelkinder mögen hier bei der Großmutter vor dem Mangel in der großen Stadt bewahrt werden.

Sie macht es ihnen nicht leicht, die Großmutter. Sie bietet ihnen nichts zu Essen an, keine warme Schlafstatt. Sie gilt ihrer Umgebung als Hexe, als Frau, die ihren eigenen Mann getötet haben soll. Ihr Leben besteht aus Arbeit, aus schwerer Arbeit – und nach einer Woche greifen die Zwillinge mit an. Nicht aus Hilfsbereitschaft, sondern aus einer moralischen Überlegung heraus. Weiterlesen

Roman Graf – Niedergang

niederganggrafWo ein Wille ist, ist auch ein Weg. Diese Maxime hat André sich aus Kinderzeiten bei den Pfadfindern bewahrt – es hat ihn geprägt. Ihn kann man nicht so leicht aus dem Tritt bringen. Er schafft, was er sich vornimmt.

In diesem Fall hat er sich eine Bergwanderung mit seiner Freundin Louise vorgenommen. Sie kennt, aus Mecklenburg-Vorpommern stammend, ja nur die dortigen Erhöhungen. Lange hatten sie diese Tour im Vorfeld geplant. Tagelang hatte André Berechnungen angestellt, welche Entfernungen in welcher Zeit zu bewältigen wären. Einen Kletterkurs hatten sie belegt, und, um entsprechend Kondition aufzubauen, waren sie in den vergangenen Wochen regelmäßig im Berliner Umland wandern gegangen. Weiterlesen

Jonas Lüscher – Frühling der Barbaren

luescherPreising hat es in seinem Leben bislang irgendwie immer gut getroffen. Derzeit hält er sich zwar in einer Psychiatrie auf, und das ist auch der Ort, an dem er seine Geschichte erzählt – allerdings nicht uns, sondern dem namenlosen Erzähler, der uns die Geschichte dann weitergibt. Ein Erzählen im Erzählen, gebrochen, reflektiert, immer wieder unterbrochen natürlich auch – es hat mich sehr an W.G. Sebald erinnert, der dem Leser sicher nicht ohne Grund später im Buch dann noch als literarische Referenz begegnet.

Aber ich schweife ab. Weiterlesen

Urs Widmer – Reise an den Rand des Universums

widmerUrs Widmer ist ein Autor, von dem ich zwar bereits etliche Bücher gelesen habe, den ich in meiner Wahrnehmung aber dennoch nie zu den “großen”, bekannten Autoren gezählt habe. Er hatte für seine beiden, schon autobiographisch geprägten, Bücher “Der Geliebte der Mutter” und “Das Buch des Vaters” sehr viel Beachtung erfahren. Und nun also eine Autobiograhpie, die allerdings nur die Jahre 1938 – 1968 umfasst, den Zeitpunkt zu dem er zum Schriftsteller wird, seine aktive Schriftstellerlebenszeit jedoch außen vor lässt. Weiterlesen

Jens Steiner – Carambole

caramboleBrütende Sommerhitze. 3 Jugendliche, die sich rastlos im Dorf herumtreiben, in Erwartung der Sommerferien – insgeheim wissend, dass auch in diesen Ferien nichts passieren wird. Weiterlesen

Franz Hohler – Gleis 4

HohlerGleisEin dringend benötigter Erholungsurlaub sollte es werden, ohnehin schon zeitlich eingeschränkt durch eine Operation. Auf dem Weg zum Flughafen steht Isabelle kurz verzagt mit ihrem schweren Koffer an der Treppe zu ihrem Bahngleis; da bietet ein höflicher älterer Herr ihr an, den Koffer hochzutragen – und stirbt unmittelbar darauf vor ihren Augen. Weiterlesen

Melinda Nadj Abonji – Tauben fliegen auf

abonjiNichts hat sich hier verändert, moniert Herr Kocsis jedes Jahr wieder, wenn sie in die schlechten, staubigen Straßen ihrer Heimatstadt in der Vojvodina einfahren. Nichts hat sich verändert, stellen dagegen seine Töchter Ildiko (aus deren Sicht der Roman erzählt wird) und Nomi fest. Alles müssen sie wieder in Besitz nehmen, überprüfen, vom Hackklotz im Hof bis zum Zaun und natürlich ihre Mamika, die Großmutter. Begeistert stürzen sie sich auf die vollen Teller, es wird aufgekocht, dazu die lokalen Spezialitäten wie Traubisoda, das so lecker ist, dass sie davon eigentlich ein paar Flaschen in die Schweiz mitnehmen müssten, um sie ihren dortigen Freundinnen zu kosten zu geben. Und doch nehmen sie nie welches mit – zu genau können sie sich vorstellen, wie geringschätzig die Reaktion ausfallen würde. Weiterlesen

Urs Widmer – Mein Leben als Zwerg

widmerzwerg“Sleepy” war der Produktionsname des Zwergs, der heute noch in Urs Widmers Wohnung herumliegt; alle Farbe abgewetzt, das Plastik schon ganz brüchig, einzelne Körperteile dann auch schon weggebröselt – ein Leben lang hatte der Zwerg ihn begleitet, war starr und steif an seinem Platz gestanden. Doch was hatte ihn in der Zeit bewegt, in der er von keinem Menschenauge gestreift worden war? Weiterlesen

Agota Kristof – Die Analphabetin (L’Analphabète) – gelesen von Hannelore Hoger

kristof-analphabetinAgota Kristof – dieser Name begegnete mir in Diskussionen in der Leselust immer wieder, doch dachte ich, es wäre nicht unbedingt eine Autorin, die mir liegen würde.

Dieses kurze Hörbuch, die autobiographische Erzählung, hat mich jedoch eines Besseren belehrt. Mit ganz schlichten, unprätentiösen und vor allem auf gänzlich unsentimentale Weise erzählt die Autorin hier (zwar in der Ich-Form, aber doch immer in erzählerischem Kontext) von einer zwar ärmlichen, aber glücklichen Kindheit; davon, wie sie schon mit 4 Jahren lesen konnte, weil sie zur Strafe so häufig zum Vater, der Dorfschullehrer war, in die Klasse geschickt wurde, wo sie dann stillzusitzen hatte.

Worte, Geschichten – sie sind wie die Luft zum Atmen für das Mädchen, das schon früh anfängt, selbst Geschichten zu erfinden und zu erzählen, besonders gern dem kleinen Bruder, der leicht zu beeindrucken ist. Weiterlesen

Urs Widmer – Shakespeares Königsdramen, nacherzählt

widmershakespeareNein, Shakespeare zu lesen ersetzt dieser Band von Urs Widmer nicht – aber seine Zusammenfassung der Königsdramen ist auch ganz für sich vergnüglich zu lesen (und bietet nebenbei noch eine gute Inhaltsangabe der Originalwerke). Ich habe mich sehr gut amüsiert – und Lust bekommen, doch mal wieder ins Original reinzulesen! Weiterlesen