Khaled Hosseini – Drachenläufer (The Kite Runner)

drachenlaeuferWenn es einen Menschen gab, von dem Amir sich bedingungslos geliebt wusste, dann von Hassan, seinem Freund und Milchbruder, der wie er mutterlos aufwuchs. Unzählige Stunden verbrachten sie gemeinsam, durch die Gärten ziehend, Abenteuer erlebend oder zumindest beschwörend, vereint in den Geschichten, die sie liebten. Wenn Amir von den sadistischen Jungen der Straße gehänselt und gequält wurde, stand Hassan für den Furchtsameren ein – für dich, tausendmal, sagte er dann auch an dem Nachmittag, als Amir hoffte, die Liebe und Aufmerksamkeit seines Vaters durch einen Sieg beim Drachenwettkampf zu erzielen.

Den Sieg hatte er dann tatsächlich davongetragen, die erhoffte Anerkennung des Vaters ließ nicht auf sich warten, und doch konnte Amir sich nicht wirklich daran freuen. Denn an diesem Nachmittag hatte er seine Freundschaft zu Hassan verraten, hatte gesehen, was diesem angetan wurde – und war weggelaufen, ohne ihm zu helfen. Weiterlesen

Christine Nöstlinger – Fußballgeschichten vom Franz

Noestlinger+Fussballgeschichten-vom-FranzChristine Nöstlinger kenne ich schon aus meiner eigenen Kindheit. Meine erste Begegnung hatte ich mit dem Dschi Dschei Wischer, der morgens im Radio seinen Auftritt hatte – der Gurkenkönig, Konrad aus der Konservenbüchse, sie alle kamen hinterher. Den Franz allerdings habe ich dann erst ein paar Jahre später kennen gelernt, als ich dem kleinen Nachbarsmädchen manchmal vorgelesen habe – und diese Liebe ist mir geblieben.

Sie kennen den Franz noch nicht? Der Franz ist ein  Wiener Junge, recht klein für sein Alter, mit einem blonden Lockenkopf, einer Stupsnase und strahlend blauen Augen, der aufgrund seines Aussehens zu seinem Ärger oft für ein Mädchen gehalten wird. Dass er immer dann, wenn er sich ärgert, eine hohe piepsige Stimme bekommt, hilft da natürlich nicht unbedingt…

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Joachim Meyerhoff – Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war

meyerhoff2Das Gefühl, inmitten von lauter “Irren” aufgewachsen zu sein, mag zwar so mancher haben. So konkret wie Joachim Meyerhoff kann es aber kaum einer beweisen: er hat seine Kindheit in einer großen psychiatrischen Anstalt verbracht, der sein Vater als Direktor vorstand.

Ihr Haus ist mitten im Anstaltsgelände, und nachts hört er die Schreie der Patienten – für ihn das beste Mittel, um einschlafen zu können. Weiterlesen

Urs Widmer – Reise an den Rand des Universums

widmerUrs Widmer ist ein Autor, von dem ich zwar bereits etliche Bücher gelesen habe, den ich in meiner Wahrnehmung aber dennoch nie zu den “großen”, bekannten Autoren gezählt habe. Er hatte für seine beiden, schon autobiographisch geprägten, Bücher “Der Geliebte der Mutter” und “Das Buch des Vaters” sehr viel Beachtung erfahren. Und nun also eine Autobiograhpie, die allerdings nur die Jahre 1938 – 1968 umfasst, den Zeitpunkt zu dem er zum Schriftsteller wird, seine aktive Schriftstellerlebenszeit jedoch außen vor lässt. Weiterlesen

Melinda Nadj Abonji – Tauben fliegen auf

abonjiNichts hat sich hier verändert, moniert Herr Kocsis jedes Jahr wieder, wenn sie in die schlechten, staubigen Straßen ihrer Heimatstadt in der Vojvodina einfahren. Nichts hat sich verändert, stellen dagegen seine Töchter Ildiko (aus deren Sicht der Roman erzählt wird) und Nomi fest. Alles müssen sie wieder in Besitz nehmen, überprüfen, vom Hackklotz im Hof bis zum Zaun und natürlich ihre Mamika, die Großmutter. Begeistert stürzen sie sich auf die vollen Teller, es wird aufgekocht, dazu die lokalen Spezialitäten wie Traubisoda, das so lecker ist, dass sie davon eigentlich ein paar Flaschen in die Schweiz mitnehmen müssten, um sie ihren dortigen Freundinnen zu kosten zu geben. Und doch nehmen sie nie welches mit – zu genau können sie sich vorstellen, wie geringschätzig die Reaktion ausfallen würde. Weiterlesen