Klaas Huizing – Bruderland

huiVor vielen Jahren las ich das Buch Ruth über eine Zeit, die mir sehr fremd ist und auch weiterhin blieb – aber die Lektüre habe ich als eine der wenigen zu diesem Thema in Erinnerung behalten. Ein paar Jahre darauf folgte “Frau Jette Herz” – ein wirklich toller Roman über die Zeit der großen Berliner Salons. Der Name Huizing hat für mich also einen guten Klang.

Und jetzt? Habe ich das Buch “Bruderland” eigentlich nur bis zum Ende gelesen, weil ich wissen wollte, welchen Tod dieser Moritz denn nun gestorben ist und welchen Anteil Henk daran hat. Man erfährt es wirklich erst auf der letzten Seite, sonst hätte ich vorher abgebrochen.

Denn obwohl auch in diesem Buch zwischendurch schöne, dichte Beschreibungen einer alles andere als heilen Familie enthalten sind, hat mich die Umsetzung der Jetzt-Zeit mit den ganzen Auswirkungen auf Henk, der so bindungsscheu ist und eine Frau nach der anderen wieder von sich weg treibt, so gar nicht überzeugt.

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Klaas Huizing – Der letzte Dandy

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Aus dem Archiv:

Die Vorstellung “was passiert nach dem Tod” beschäftigt die Menschen seit jeher. Bei Klaas Huizing ist der Himmel irgendein Ort am Meer, kein Sandstrand unter Palmen, sondern eher Ostsee, und die Eitelkeiten der Irdischen bleiben nach wie vor erhalten.

Daher sind die beiden Herren, die man hier bei einem Strandspaziergang begleiten kann, unschwer als Thomas Mann und Sören Kierkegaard zu identifizieren. Nach gegenseitigen Schmeicheleien – die allerdings für Herrn Mann nicht immer ganz so ausfallen, wie er sie gerne hören würde – ergibt sich aus dem Gespräch, dass Kierkegaard gerne eine Autobiographie verfassen würde und sich dabei gerne von Thomas Mann zur Seite stehen lässt. 
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Klaas Huizing – Das Buch Ruth

ruthDie erste gemeinsame Aktion war ein Liederabend, um gegen die Verwendung von Weihnachtsbäumen zu protestieren. Und eigentlich hätte Ruth schon hier merken können, dass bei Georg gegen etwas protestieren noch lange nicht hieß, auch selber danach zu leben; denn bei seinen Eltern prangt natürlich stolz eine große Tanne. Es wäre nur seiner Mutter wegen, erklärt er ihr.

Und wie auch in den vielen Jahren, die noch folgen sollten, lässt Ruth sich von Georgs Argumenten einwickeln. Verzeiht ihm. Verzeiht ihm auch, dass er sie dann, als sie zu studieren beginnen, verlässt, um “andere” Erfahrungen zu sammeln. Verzeiht ihm, dass bei all den Aktionen, mit denen sie sich gemeinsam in der Friedensbewegung engagieren, immer er die Lorbeeren einheimst, während sie mit dem Großteil der Arbeit belastet wird.
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Thomas Hettche – Pfaueninsel

PfaueninselSie liegt wie ein Relikt aus vergangener Zeit im Wannsee – die Pfaueninsel. Erst war sie vor allem ein Liebesnest, doch dann gab es eine durchaus wechselvolle Geschichte der Nutzung. Von der landwirtschaftlichen Bereitstellung von Obst und Gemüse das ganze Jahr über hin zum Vorläufer des Berliner Zoologischen Gartens mit der Menagerie und der Sammlung von Menschen, die aus der Norm fallen und ebenfalls dort mehr oder weniger ausgestellt wurden.

Hettche erzählt hier das fiktive Schicksal des kleinwüchsigen Schlossfräuleins Maria Dorothea Strakon. Dieses Schlossfräulein hat tatsächlich auf der Pfaueninsel gelebt – aber außer, dass sie 80 Jahre alt wurde, ist kaum etwas über sie bekannt.

Das Schicksal, das Hettche ihr hier andichtet, ist also fiktiv. Und da kommen wir schon zum Hauptgrund meines Unbehagens.

Es ist bei Romanen, die in der Vergangenheit spielen und historische Persönlichkeiten mit einbinden klar, dass nicht alles, was hier erzählt wird, der Realität entspricht. Hier tauchen naturgemäß sehr viele Personen auf, die wir alle aus der Geschichte kennen; im großen und ganzen wurde auch, soweit ich das beurteilen kann, darauf geachtet, dass die Fiktion nicht zu weit von der Realität abwich.

Aber hier wird ein ganzes Leben mit ganz schön grotesken Verwicklungen erfunden für einen Menschen, den es tatsächlich gab. Und das hat mich beim Lesen durchaus gestört.

Ich habe sehr gerne über die Pfaueninsel und ihre Gestaltung gelesen, über die unterschiedliche Nutzung und all das, was das auch über die entsprechende Zeit verrät. Als Rückblick auf die Zeitgeschichte hat mir diese leicht distanzierte Betrachtungsweise – auf der Insel erlebt man die Zeitenwechsel nur am Rande, man ist nicht mittendrin, das war wunderschön gelöst – ausgezeichnet gefallen.

Aber mit der eigentlichen Handlung, der Geschichte des Schlossfräuleins, mochte ich mich so gar nicht anfreunden. Ich kam beim Lesen nie an den Punkt, dass ich das Gelesene als ihre Geschichte widerspruchslos hingenommen hätte, stets war da der Gedanke im Hinterkopf, dass ich sehr viel davon – vor allem die überreichlichen Sexszenen – einfach als übertrieben und ins Groteske gesteigert empfand.

Daher bleibt bei mir ein ambivalentes Gefühl zurück – und natürlich der Wunsch, doch im nächsten Sommer mal wieder zur Pfaueninsel rauszufahren.

Patrick Modiano – Ein so junger Hund (Chien de printemps)

hundAus gegebenem Anlass mal wieder ein Fundstückchen aus dem Archiv:
2014 wird Patrick Modiano mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet. Vor 10 Jahren habe ich erstmals ein Buch von ihm gelesen – das mich nicht überzeugt hatte. Ich werde es nochmal mit dem Autor versuchen, mein Lesegeschmack hat sich schließlich geändert…

Was aus der Freundin geworden war, mit der er da auf einer Parkbank fotografiert worden war, konnte der Erzähler dieser Geschichte nicht sagen; irgendwann aus seinem Leben verschwunden, so wie auch Jansen, der das Bild vor fast 30 Jahren aufgenommen hatte.

Aber Jansen hatte in seinem Leben viel stärkere Spuren hinterlassen; nach den Aufnahmen hatten sie ihn in sein Atelier begleitet, hatten die drei Koffer gesehen, in denen er seine Bilder aufbewahrte, kunterbunt und ungeordnet. Für Jansen war die Zeit gekommen, das alles hinter sich zu lassen, er wollte die Spuren tilgen, wollte einfach weggehen, aufbrechen – doch einst hatte auch er versucht, die flüchtigen Momente festzuhalten, hatte nicht nur auf den Auslöser gedrückt, sondern gewissenhaft Namen und Orte auf die Rückseite der Bilder geschrieben.

Aus einem Impuls heraus bietet der Junge an, ein Register der Bilder zu erstellen; unbezahlt, aus Interesse. So arbeitet er sich durch die Jahre, die Lebensstationen des Fotografen, der mit Auskünften über sich selbst so sparsam bleibt – vor allem, wenn es um Colette geht, Colette, die auch der Erzähler einst kannte… Weiterlesen

Michael Köhlmeier – Zwei Herren am Strand

Köhlmeier Zwei Herren am StrandEigentlich hatte ich erwartet, dass ich mit diesem Buch gar nichts falsch machen kann. Ein Autor, den ich seit vielen Jahren sehr schätze und mag. Ein Thema, das ich kenne und das mich fasziniert (Depressionen und ihr Umgang damit). Ein bisschen Zeitgeschichte. Dazu zwei bekannte Persönlichkeiten, die ich zumindest bislang in keinen Zusammenhang zueinander gebracht hätte – Charlie Chaplin und Sir Winston Churchill.

Zu meinem großen Bedauern empfand ich die Leküre aber nicht als Vergnügen, sondern zähe Arbeit. Weiterlesen

Eberhard Rathgeb – Kein Paar wie wir

rathgebNein, ein alltägliches Paar sind sie nicht, die beiden Schwestern Ruth und Vika. Keine Männer, keine Kinder, keine Liebschaften – nur zwei Frauen, die ihr ganzes Leben miteinander geteilt haben. In Deutschland geboren, sind sie in den Dreißiger Jahren mit den Eltern nach Buenos Aires ausgewandert. Während der Vater dort erfolgreich war, verkümmerte die Mutter, versank in ihren Depressionen. Die Töchter werden streng gehalten, haben kaum Freiheiten – und doch gelingt ihnen der Absprung.

Ruth ist die Erste, sie macht sich auf nach New York, Vika kommt zwei Jahre später nach. Ihre Sprachkenntnisse kommen den Schwestern zu Gute, sie sind beruflich erfolgreich, sie werden durchaus auch umworben, doch kein Mann kann das verheißen, was sie sich gegenseitig sind.

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Botho Strauß – Paare, Passanten

 

paareBotho Strauß ist ein guter Beobachter; Kleinigkeiten sind es, die er hier beschreibt, ein Paar beim Essen, Begegnungen, Blicke, Schweigen, Körpersprache – und das alles in einer wunderbaren Sprache. 

Und dennoch – mir fehlt das narrative Element, eine Beobachtung reiht sich an die nächste, die nächste, die nächste, die nächste… 

Für mich zu wenig, trotz der beschriebenen Pluspunkte

Botho Strauß – Die Unbeholfenen

unbeIn einem Haus in einem Gewerbezentrum findet sich eine seltsame Gesellschaft zusammen: Florian Lackner, der Erzähler, besucht zum ersten Mal seine neue Freundin Nadja, die hier mit ihrem verkrüppelten Bruder und Zwillingsschwestern lebt. Die Eltern haben sie längst aus ihrem Leben verbannt, sie wollen eine neue Form der Familie, der Gesellschaft leben.

Mit von der Partie ist an diesem Abend auch ein Romero, ein ehemaliger Liebhaber Nadjas, dessen Frau gerade in den Wehen liegt. 

Florian (und mit ihm der Leser) weiß lange nicht, wie er diese Gesellschaft und ihre seltsamen Gespräche einordnen soll – Unverschämtheiten, persönliche Beleidigungen verpuffen wirkungslos, als wäre das Gesagte nur für den Moment gesprochen. 
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