Ian McEwan – Kindeswohl (The Children Act) – Das besondere Buch

KindeswohlschlangeEs kommt derzeit nicht so häufig vor, dass ein Buch mich so richtig begeistern kann. Das liegt vermutlich durchaus auch an meiner Auswahl – so manches Buch, von dem ich hoffe, dass es mir gefallen könnte, spare ich mir durchaus auf für Zeiten, in denen ich empfänglicher und offener bin.

Auch “Kindeswohl”, den neuen Roman von einem meiner Lieblingsschriftsteller, hatte ich nach den ersten paar Seiten wieder weggelegt. Da steckt was drin, das war mir sofort klar. Das ist eines dieser Bücher, die dich da packen, wo es wehtut.

Zum Inhalt wurde in den vielen, vielen Rezensionen ja schon jede Menge gesagt. Fiona, eine Richterin von 59 Jahren, wird ziemlich gleichzeitig mit zwei Themen bestürmt, von denen jedes für sich schon elementar ist. Ihr Mann eröffnet ihr, dass er eine Affäre haben möchte. Nicht heimlich, sondern mit ihrem Wissen, ihrer Duldung, denn am eigentlichen Status der Ehe möchte er nichts ändern. Aber ihm fehlt Leidenschaft, Sex, Hingabe – er möchte das noch einmal erleben.

Gleichzeitig soll sie sich mit dem Fall eines beinahe volljährigen Jungen beschäftigen, der aufgrund seiner Glaubenszugehörigkeit die lebenserhaltende Behandlung mit Blutkonserven verweigert. Das Gericht soll nun entscheiden, ob seinem Willen stattgegeben werden kann, oder ob man einem noch unmündigen Menschen das Weiterleben ermöglichen muss, weil er die Tragweite seiner Handlungen noch nicht entsprechend übersehen kann. Weiterlesen

J. M. Coetzee – Schande (Disgrace)

schandeDavid Lurie, Universitätsprofessor, wenige Jahre vor der Pensionierung, hat für sich in seinem beschaulichen Leben alles arrangiert: donnerstags trifft er eine Edel-Prostituierte, ansonsten beschäftigt er sich schon seit einigen Jahren mit einer Arbeit über Byron.

Dann beginnen Kleinigkeiten sein Leben ins Wanken zu bringen: erst trifft er seine Prostituierte beim Spaziergang in der Stadt – und sie lehnt es daraufhin ab, ihn weiterhin als Kunden zu empfangen. Und kurz danach läuft ihm eine seiner Studentinnen über den Weg – ausgerechnet diejenige, in die er sich dieses Semester verliebt hatte. Das er sich in seine Studentinnen verliebte, war nichts ungewöhnliches für ihn; doch mit ihnen auch ein Verhältnis anzufangen, so wie mit dieser, gehörte nicht zu seinen Gepflogenheiten. Weiterlesen

Siri Hustvedt – Was ich liebte (What I Loved)

wasichliebteZu Beginn verbindet den Erzähler dieser Geschichte vor allem die Nachbarschaft mit Bill; bald wird daraus eine intensive Freundschaft, die auch die beiden Frauen, Erica und Violet, mit einschließt, und sich auch auf die Kinder ausdehnt. Bills Sohn Marc lebt meist bei der Mutter; Violet und er versuchen schon länger erfolglos, noch ein zweites bzw. erstes Kind zu bekommen. Weiterlesen

Tobias Wolff – Alte Schule (Old School)

wolffalteschuleDas Internat gilt als eines der Besten an der Ostküste. Als besondere Auszeichnung wird dreimal jährlich ein Schriftsteller eingeladen, an der Schule zu lesen – und dem Verfasser der besten literarischen Arbeit eine Privataudienz zu gewähren.
Der sich daraus entspinnende Wettstreit wird zwar hart, aber immer im Rahmen der Schultugenden ausgetragen – bis bekannt wird, das Hemingway kommen soll. Dieser Autor, Held und Vorbild der Jungen, schafft durch seine bloße Ankündigung, dass die moralischen Grundwerte der Schule zutiefst erschüttert werden.

Das Setting: ein Internat, eine Privatschule, entsprechend auch hauptsächlich besucht von Söhnen wohlhabender Eltern, die sich aber immer stärker auch für Stipendiaten öffnet. Auch wenn die Herkunft an sich keine Rolle spielt, wird sie doch durch kleine Merkmale spürbar, durch die Sicherheit, die einige Jungen gerade auch aufgrund ihrer Klassenzugehörigkeit mitbringen. Weiterlesen

Per Petterson – Pferde stehlen (Ut og staele hester)

pferdestehlenIm Dorf fängt man langsam an, ihn zu akzeptieren, ihn nicht wie die anderen Großstädter zu betrachten, die den Sommer über die Holzhäuser im Wald bevölkern; aber obwohl auch Trond den Großteil seines Lebens in Oslo verbracht hat, hat er sich nun, mit 67 Jahren und nach dem schmerzlichen Verlust seiner Frau und seiner Schwester, hierher zurückgezogen.

Arbeit gibt es hier für ihn genug; das Haus ist in schlechtem Zustand, und er selbst eigentlich nicht unbedingt handwerklich begabt. Aber es hilft, sich in solchen Situationen seinen Vater vorzustellen, der mit den Händen immer schon sehr geschickt war. Weiterlesen

Theodor Fontane – Effi Briest

effiebriestDie Geschichte ist ja bekannt: Effi Briest, einziges Kind, wird sehr jung mit Baron von Instetten verheiratet. Diesen Baron kannte ihre Mutter schon als sie selbst jung war, ja, es war sogar die Rede davon, dass sie beinahe geheiratet hätten.

Sie kennen sich kaum, Effi und der so viel ältere Baron; Effi ist noch beinahe ein Kind, ist wild und lebhaft und genießt zu Hause in Hohenkremmen die Gesellschaft ihrer Freundinnen. Doch damit wird es nun ein Ende haben, denn der Baron lebt in einer kleinen Stadt weit weg in Pommern; einer Stadt, in der der gesellschaftliche Verkehr stark eingeschränkt sein wird. Weiterlesen

Philip Roth – Jedermann (Everyman)

rothjedermann“Das Alter ist kein Kampf, das Alter ist ein Massaker” lässt Philip Roth seinen “Jedermann” mitten im Buch sagen, als er sich schon diversen Operationen unterzogen hatte, deren jede detailliert geschildert wird, angefangen von einer Leistenbruchoperation im Kindesalter bis hin zu diversen Herzoperationen.

Der Roman beginnt mit dem Begräbnis dieses Jedermanns; seine drei Kinder sind da, die zwei Söhne aus 1. Ehe, die Tochter aus 2. Ehe, gemeinsam mit seiner 2. Ehefrau; sein Bruder ist da, und auch die Krankenschwester, mit der er nach seiner ersten Herzoperation eine wunderbare Affäre hatte. Weiterlesen

Joan Didion – Das Jahr magischen Denkens (The Year of Magical Thinking)

didionAm Abend des 30. Dezember 2003, während Joan Didion gerade das Abendessen richtete, starb ihr Mann vor ihren Augen an einem Herzinfarkt. Sie waren 40 Jahre verheiratet und nur bei ganz wenigen Gelegenheiten getrennt gewesen. Beide Schriftsteller, hatten sie beide zu Hause gearbeitet, häufig gemeinsam Drehbücher überarbeitet. Sie waren einander jeweils der erste Leser und Kritiker.

Nach außen nimmt Joan Didion die Nachricht vom Tod ihres Mannes gefasst auf; “sie ist hart im Nehmen”. Doch ihre Welt ist mit einem Schlag zerbrochen. Weiterlesen

Anna Mitgutsch – Zwei Leben und ein Tag

mitgutschAus den Archiven der LESELUST – Das besondere Buch. Damit diese Bücher im neuen Blog-Format nicht in Vergessenheit geraten, werden sie hier in den nächsten Wochen neu eingestellt. Vielleicht ist ja doch noch die eine oder andere Entdeckung für euch dabei!

Er war ihr erstes Gesprächsthema beim Kennenlernen, und er hat sie auch danach ihr ganzes Eheleben lang begleitet: Herman Melville, der zu Lebzeiten verkannte Autor, über den Edith und Leonard unermüdlich Material sammelten, in der vagen Hoffnung, eines Tages gemeinsam eine Biographie zu verfassen. Weiterlesen

Eliot Perlman – Sieben Seiten der Wahrheit (Seven Types of Ambiguity)

ambiguityAus den Archiven der LESELUST – Das besondere Buch. Damit diese Bücher im neuen Blog-Format nicht in Vergessenheit geraten, werden sie hier in den nächsten Wochen neu eingestellt. Vielleicht ist ja doch noch die eine oder andere Entdeckung für euch dabei!

Simon hat sie nie vergessen: Anna, seine große Liebe, die sich schon vor mehr als 10 Jahren von ihm getrennt hatte, mittlerweile verheiratet ist und einen kleinen Sohn hat. Und eben diesen Sohn entführt Simon eines Tages für ein paar Stunden – das ist de Ausgangspunkt für diesen aus der Perspektive der sieben Protagonisten erzählten, großartigen Romans. Weiterlesen