Klaas Huizing – Bruderland

huiVor vielen Jahren las ich das Buch Ruth über eine Zeit, die mir sehr fremd ist und auch weiterhin blieb – aber die Lektüre habe ich als eine der wenigen zu diesem Thema in Erinnerung behalten. Ein paar Jahre darauf folgte “Frau Jette Herz” – ein wirklich toller Roman über die Zeit der großen Berliner Salons. Der Name Huizing hat für mich also einen guten Klang.

Und jetzt? Habe ich das Buch “Bruderland” eigentlich nur bis zum Ende gelesen, weil ich wissen wollte, welchen Tod dieser Moritz denn nun gestorben ist und welchen Anteil Henk daran hat. Man erfährt es wirklich erst auf der letzten Seite, sonst hätte ich vorher abgebrochen.

Denn obwohl auch in diesem Buch zwischendurch schöne, dichte Beschreibungen einer alles andere als heilen Familie enthalten sind, hat mich die Umsetzung der Jetzt-Zeit mit den ganzen Auswirkungen auf Henk, der so bindungsscheu ist und eine Frau nach der anderen wieder von sich weg treibt, so gar nicht überzeugt.

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Wolf Haas – Brennerova

brennerovaKann man das wirklich als Krimi bezeichnen? Egal. Es ist mal wieder etwas passiert. Der Brenner hat sich erneut mit seiner Hilde eingelassen, aber ganz unabsichtlich auch Kontakt bei einer russischen Frauenvermittlung gesucht. Und da war diese wunderschöne Frau, Nadeshda, die sich auch noch gewünscht hat, dass er sie besucht, und weil die Hilde sowieso eine bewusstseinserweiternde Wanderung irgendwo am Ende der Welt geplant hatte, fliegt er halt hin, steigt nach ihren genauen Anweisungen um und wird prompt ausgeraubt.

Aber dann schaut sie ihn mit ihren großen Augen an und erzählt von der verschwundenen Schwester, die er jetzt suchen soll, was er, zurück in Wien, dann irgendwie auch anfängt und dabei in Kontakt mit einem REdakteur einer Onlinezeitung und einem Tätowierer kommt, die beide kurz darauf mit abgeschnittenen Händen vorgefunden werden.

Natürlich will er jetzt mehr wissen, und so nimmt eine ausgesprochen verworrene und an den Haaren herbeigezogene Geschichte ihren Lauf. Wobei ich ausdrücklich dazu sagen muss: beim Haas stört mich das an sich nicht, wenn es an den Haaren herbeigezogen ist. Die Krimihandlung bei seinen Büchern war immer schon Nebensache.

Mein Problem war, dass ich auch die kleinen zwischenmenschlichen Beobachtungen und den Wortwitz, der durch die geniale Schilderung von Haas normalerweise so ein Buch trägt, diesmal entweder nicht vorgefunden habe – oder es bei mir einfach nicht mehr wirkt.

Kurzum: Das Ende des Buches ist so gestaltet, dass man eine Fortsetzung eigentlich mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit erwarten kann. Ich wünsche mir trotzdem, der Autor verzichtet darauf.

Jean-Philippe Blondel – 6 Uhr 41 (06h41)

blondel2Zwei Menschen begegnen sich im Zug. Es ist nicht ihre erste Begegnung – sie kannten einander schon früher, in ihrer Jugend, ja, sie waren sogar einmal fast so etwas wie ein Paar. Bis zu diesem Ausflug nach London…

Und nun sitzen sie nebeneinander, haben noch nicht zu erkennen gegeben, dass sie sich sofort erkannt haben. Jeder hängt für sich seinen Gedanken nach, und ich als Leserin musste mir dann jeweils in erster Person Präsens durchlesen, was für Banalitäten an Gedanken da durch ihr Gehirn waberten.

Die eigentliche Spannung, die der Handlungsaufbau hätte bieten können, wurde durch diese ausgesprochen simple Sprache und den Mangel an psychologischem Feingefühl für mich leider kaputtgemacht. Schade!

Patrick Modiano – Ein so junger Hund (Chien de printemps)

hundAus gegebenem Anlass mal wieder ein Fundstückchen aus dem Archiv:
2014 wird Patrick Modiano mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet. Vor 10 Jahren habe ich erstmals ein Buch von ihm gelesen – das mich nicht überzeugt hatte. Ich werde es nochmal mit dem Autor versuchen, mein Lesegeschmack hat sich schließlich geändert…

Was aus der Freundin geworden war, mit der er da auf einer Parkbank fotografiert worden war, konnte der Erzähler dieser Geschichte nicht sagen; irgendwann aus seinem Leben verschwunden, so wie auch Jansen, der das Bild vor fast 30 Jahren aufgenommen hatte.

Aber Jansen hatte in seinem Leben viel stärkere Spuren hinterlassen; nach den Aufnahmen hatten sie ihn in sein Atelier begleitet, hatten die drei Koffer gesehen, in denen er seine Bilder aufbewahrte, kunterbunt und ungeordnet. Für Jansen war die Zeit gekommen, das alles hinter sich zu lassen, er wollte die Spuren tilgen, wollte einfach weggehen, aufbrechen – doch einst hatte auch er versucht, die flüchtigen Momente festzuhalten, hatte nicht nur auf den Auslöser gedrückt, sondern gewissenhaft Namen und Orte auf die Rückseite der Bilder geschrieben.

Aus einem Impuls heraus bietet der Junge an, ein Register der Bilder zu erstellen; unbezahlt, aus Interesse. So arbeitet er sich durch die Jahre, die Lebensstationen des Fotografen, der mit Auskünften über sich selbst so sparsam bleibt – vor allem, wenn es um Colette geht, Colette, die auch der Erzähler einst kannte… Weiterlesen

Jean-Philippe Blondel – Zweiundzwanzig (Et rester vivant)

blondelIch zermartere mir seit Tagen den Kopf, in welcher Literatursendung ich auf dieses Buch aufmerksam wurde. Es war jedenfalls etwas, das ich nur so nebenbei gesehen hatte – ein Mann erzählte davon, dass er im Alter von zweiundzwanzig Vollwaise war, weil er erst seine Mutter und den Bruder, dann vier Jahre später seinen Vater durch einen Autounfall verloren hatte. Mir war in Erinnerung geblieben, dass er von sich wie von einem Romanhelden sprach – und dass man einer Romanfigur solche Schicksalsschläge nicht zumuten würde, weil es keiner glauben würde.

Nun fand ich das Buch zufällig in der Onleihe, habe es kurzentschlossen ausgeliehen und auch gleich gelesen (ist ja nicht besonders umfangreich).

Zu diesem Buch gibt es auch einen Soundtrack, der eine nicht unerhebliche Rolle spielt:
Lloyd Cole – Rich https://www.youtube.com/watch?v=xEmlVhEnIpc

Der Ort, der in diesem Song besungen wird, Morro Bay, wird zum Sehnsuchtsort des Erzählers, und nachdem er die väterliche Wohnung verkauft hat, geht er kurzerhand mit seiner (Ex?)Freundin und dem besten Freund (und neuen Freund von Laure) auf eine Reise nach Kalifornien. Weiterlesen

Robert Seethaler – Ein ganzes Leben

seethalerSeethaler erzählt in diesem schmalen Band vom Leben eines wortkargen Mannes, der sein Leben in den Bergen verbringt.
Er ist das ungeliebte Ziehkind auf dem Bauernhof, auf dem er aufwächst – eines Morgens im Alter von vier Jahren von der Stadt aufs Land gebracht worden, die Mutter war in der Stadt auf Abwege geraten und hatte ihrem Bruder das Kind, mit ein paar Silberlingen als Versüßung, überlassen.

Es folgt, was man eigentlich schon erwartet. Harte Kindheit, viel Arbeit, keine Liebe, dafür häufige Züchtigung – die so weit geht, dass dem Kind bei einer der Prügelarien das Bein so schlim gebrochen wird, dass er nie mehr ohne Humpeln laufen kann.

Doch natürlich wird aus ihm ein großer, starker Mann, trotz dieser Einschränkung, der ausgesprochen arbeitsam ist und alles stoisch erträgt. Bis er dann auf Marie trifft. Hier will er dann erstmals mehr aus sich machen, denn einer Frau muss man etwas bieten. Er heuert also bei der Firma an, die eine Seilbahn auf den Berg bauen will, arbeitet auch dort natürlich fabelhaft, und eines Tages ist es soweit, dass er seiner Marie einen Antrag macht, und zwar einen ausgesprochen romantischen – mit petroleumgetränkten Säcken, die die Kollegen auf dem Berg entzünden, schreibt er seine Liebe zu ihr geradezu in die Landschaft. Weiterlesen

Michele Serra – Die Liegenden (Gli Sdradiati)

wpid-img_20140616_140010.jpgKurze Lesenotiz:

Der Autor Michele Serra, der mit seiner Familie (Frau, Tochter, drei Söhne) in Mailand lebt, ist in Italien vor allem für seine Kolumnen bekannt, die in La Repubblica und L’Espresso erscheinen.

In “Die Liegenden“ schreibt er von einem Vater und dessen achtzehnjährigen Sohn und die Art ihres Zusammenlebens und ihrer Kommunikation (keiner). Dazu spricht ein “ich“ fortwährend den Sohn, das “du“, an. In teils philosophischen, teils maßlos überzeichneten Passagen erzählt es davon, wie schwierig es sich gestaltet, Kontakt zueinander zu finden. Weiterlesen

Bernhard Schlink – Die Frau auf der Treppe

SchlinkTreppeUm Bernhard Schlimm ist es nach seinem großen Erfolg mit dem “Vorleser“ und den “Selb-Krimis“ in gewisser Weise soll geworden. Er konnte mit keinem seiner Bücher, die darauf folgen, an den großen Erfolg anschließen – und ich wage die Prophezeiung, dass es ihm mit diesem Buch erst recht nicht gelingt.

Als treue Leserin habe ich auch alle anderen Werke gelesen – mit unterschiedlicher Begeisterung. Ich mochte die Heimkehr, weniger seiner Erzählungen, auch der RAF-Roman das Wochenende war interessant.

Doch dieser neue Roman hat mich ziemlich enttäuscht.

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Krimi statt Longlist… Die Wahrheit und andere Lügen von Sascha Arrango

luegenEigentlich hatte ich vor, meine lange Lesepause (ist sie euch schon aufgefallen?) mit einem Buch der Longlist des Deutschen Buchpreises 2014 zu beenden.

Da sitze ich also, habe Skoobe offen, schaue nach, welche Titel der Longlist dort zu finden sind – drei Stück, immerhin, auch über die Onleihe ist einiges erhähltlich. Aber… ach, die erste Seite, sie zieht mich einfach (noch) nicht mit. Ein kurzer Ausflug zu Facebook bringt mich zu einer begeisterten Krimirezension – Krimi des Jahres! Wunderbares Buch! Bin sonst so schwer zu begeistern, aber das hier – das müsst ihr lesen. Vertraut mir. Weiterlesen

Späte Gedanken zu Americanah…

blogsIch hatte dieses Buch ja für meine Leserunde gelesen… hier ein paar Eindrücke davon:

Aber vielleicht erst in Kürze – wie kam das Buch an? Wir hatten es alle gelesen, es las sich ja so weg – las sich gut weg, muss man auch dazu sagen. Aber wir waren uns denke ich auch recht einig, dass es sich bei dem Roman nicht unbedingt um “große Literatur” handelt. Was daran fesselt, ist einerseits der für uns Europäer der exotische Schauplatz Nigeria, aber auch die Frage nach der Identität, die sich (auch) an der Hautfarbe festmacht.

Vor allem die Beziehungsgeschichten in diesem Roman haben uns nicht begeistert. Schon zu Beginn ist ja klar, dass es Blaine gibt, und Obinze – als sie dann zwischendurch mit Carl zusammen kam, gab es durchaus Stöhnen, dass man jetzt noch eine Beziehungsgeschichte ertragen müsse…

Uns waren die Figuren an sich zu schematisch, aber in den Einzelszenen, den Beschreibungen, waren viele Momente zu finden, die glaube ich jeden für uns an der einen oder anderen Stelle fasziniert, berührt, auf jeden Fall aber interessiert haben.

Da wir ja gerade erst auch einen anderen Autor gelesen haben, der aus Nigeria stammt und in New York lebt, Teju Cole, lag es nahe, die Romane zu vergleichen. Auch in diesem Buch ist die Frage nach der Identität vorhanden, der Wahrnehmung durch Äußere, die Verbrüderung aufgrund der Hautfarbe. Aber dennoch könnten die Bücher unterschiedlicher nicht sein – das eine ein intellektuelles Flanieren, auf der anderen Seite der große Gefühlsroman vor exotischer Kulisse.

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