Fjodor Dostojewski – Erniedrigte und Beleidigte

erniedrigteFür mich ist Dostojewski der Vorreiter der ausgeprägten Darstellung von psychischen Verwicklungen in Romanen. “Erniedrigte und Beleidigte” zählt zu seinen frühen Werken, entsprechend hat mir dieses Element darin ein wenig gefehlt.

Ein rechtschaffener Mann, glücklich verheiratet, eine Tochter, wird eines Tages als Verwalter für das Anwesen eines Fürsten bestellt. Er kümmert sich hervorragend darum – und doch wird ihm eines Tages vorgeworfen, er hätte Misswirtschaft betrieben, ja, sich sogar bereichert. Außerdem hätte er versucht, seine Tochter mit dem Sohn des Fürsten zu verbandeln. Nun gibt es tatsächlich eine Annäherung zwischen Tochter und Sohn – doch nicht mit Billigung des Vaters.

Die Kinder reißen aus, ziehen zusammen – ein unerhörter Skandal. Eine Schande vor allem für den Vater des jungen Mädchens, der sich nun mit einer Klage konfrontiert sieht, die ihn ins Armenhaus bringen kann. Der Fürst hingegen manipuliert, wo er nur kann. Und die Tochter? Geht sehenden Auges in ihr Verderben. Denn natürlich weiß sie, dass der Sohn des Fürsten ein verweichlichter Taugenichts ist, der das Glücksspiel und andere Frauen liebt. Er ist nicht treu, nicht zuverlässig, und doch kann sie von ihm nicht lassen.

Ihr zur Seite gestellt ist ein junger Mann, der sie von Herzen liebt und verehrt. Er erzählt uns die Geschehnisse der Handlung auch. Und so haben wir also unser Liebesdreieck, mit allen Komplikationen, mit denen so etwas eben einhergeht. Das ist aus heutiger Sicht für mich oft fürchterlich dick aufgetragen. An die jüngeren, reiferen Werke kommt dieses hier meiner Meinung nach nicht heran.

Ursula Krechel – Landgericht

landgerichtLandkreis wurde 2012 mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet. Schon als es auf der Longlist auftauchte, hatte es mich gereizt – obwohl ich eine gewisse Übersättigung an mir feststelle, wenn es um die Aufarbeitung des Nazi-Regimes in der Literatur geht, hatte die ganz spezielle Konstruktion dieses Romans mich schon von Anfang an gereizt.

Auch nach dem Besuch einer Lesung, als die Autorin über den Entstehungsprozess des Romans erzählt hatte, war ich voll des guten Willens, das Buch so bald als möglich zu lesen. Dank Skoobe hatte ich auch schon früh die Gelegenheit dazu – und doch… habe ich bis eben gebraucht, es auch tatsächlich zu lesen. Und wenn nicht die zusätzliche Motivation in Form des “Gruppendrucks” meines Lesekreises gewesen wäre (dem ich das Buch selbst vorgeschlagen hatte…) hätte ich womöglich noch länger gezögert.

Warum eigentlich? Das hatte ich mich zumindest, als ich endlich wirklich begann, immer wieder gefragt. Richard Kornitzer, der bis 1933 in Berlin Richter war, kehrt nach seinem Exil in Kuba zurück zu seiner Frau Claire an den Bodensee. Die Wiederbegegnung des 10 Jahre getrennten Ehepaares mit zu erleben, auch dann die Veränderungen, die in beiden vorgegangen sind und vor allem der große Verlust, den sie beide erlitten haben, nachzuvollziehen – die Kinder, die sie nach England geschickt hatten, damit diese dort den Krieg überleben sollten – das alles waren Dinge, die mir auch aufgrund der Art, wie sie mir geschildert wurden, unheimlich nahe gingen. Weiterlesen

Von Bestsellerlisten und Lesekreisen. Und dazu: Buchcover.

privatwegSeit etwas über 15 Jahren gehöre ich zwei Lesekreisen an. Wie die damals entstanden sind, habe ich ja schon mal erzählt – ich hatte eine Anzeige in die Stadtzeitung gesetzt, um Gleichgesinnte zu finden, und gehofft, es würden sich vielleicht 3 oder 4 Interessierte finden. Ich habe damals über 30 Mails erhalten, deswegen sind gleich zwei Lesekreise daraus geworden, die sich mit der einen oder anderen Veränderung jetzt eben schon eine ganze Weile sehr regelmäßig treffen. Mit ein Effekt solcher Lesekreise ist es, dass man immer wieder Bücher liest, die man selbst nicht gewählt hätte. Das kann sehr bereichernd sein, weil man eben über den Tellerrand hinausliest. Aber auch ermüdend und nervend, wenn man sich durch die Bücher immer wieder durchquält. An sich bin ich ein sehr pflichtbewusstes Lesegruppenmitglied. Auch wenn ich, seit die Kinder da sind, nicht mehr so regelmäßig kommen kann, weil es eben immer wieder auch an einem Babysitter mangelt, die allermeisten Bücher habe ich trotzdem gelesen. Nur in letzter Zeit, mit meiner Leseunlust, ist das keine gute Kombination. Ich streite mich ja nach wie vor gerne über Bücher, aber ich mag nicht immer die sein, der alles nicht gefällt. Oder die, im schlimmsten Fall, so wie jetzt, das Buch gar nicht gelesen hat… Was macht ihr anderen Lesekreiserfahrenen denn in so einer Situation? Länger aussetzen? Trotzdem kommen? Weiterlesen

Gaito Gasdanow – Das Phantom des Alexander Wolf (Prizrak Aleksandra Volfa)

gasdanowEigentlich ziehe ich es ja vor, ein Lesegruppenbuch hier schon vorzustellen, bevor wir unser Treffen abhalten. Aber das habe ich zeitlich nicht geschafft – und unser sehr schönes Treffen am Montag hat durchaus dazu beigetragen, meine Meinung zu diesem Buch ein wenig zu verändern.

Aber nun von vorne – worum geht es?

Der Einstieg in diesen Roman ist grandios. Ein 16jähriger erschießt in den Wirren des Bürgerkrieges einen Mann. Das Ereignis prägt ihn; obwohl die Tat als Notwehr gelten konnte, blieb der Anblick der verlöschenden Augen im Gesicht des Mannes für ihn immer präsent. Weiterlesen

Amy Waldman – Der amerikanische Architekt (The Submission)

waldmanDie Anschläge auf das World-Trade-Center am 9. September 2001 haben im kollektiven Gedächtnis nicht nur der USA einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Die Ausgangslage des Romans ist also durchaus sehr spannend: der beste Entwurf für einen Gedenkort für die Opfer soll im Rahmen einer öffentlichen Ausschreibung ermittelt werden. Und diese Ausschreibung gewinnt ein Mann mit dem Namen Mohammed Khan…

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Die Montagsleser über Reinhard Kaiser-Mühlecker: Roter Flieder

Ich hatte es ja irgendwie schon geahnt – die ganz große Begeisterung für dieses Buch kann man vielleicht nur nachvollziehen, wenn man den geschilderten Umständen so nahe ist, wie es auf mich zutrifft. Weiterlesen

Reinhard Kaiser-Mühlecker – Roter Flieder

40423_1_kaiser-muehlecker_bb_web1Manchmal schrecke ich völlig zu Unrecht vor dicken Büchern zurück. Dieses hier habe ich schon kurz nach Erscheinen gekauft – weil mir “Magdalenaberg” sehr gut gefallen hatte und ich den Autor weiter verfolgen möchte. Nur gelesen habe ich es lange nicht – bis es nun zum Glück von meinem Lesekreis gewählt wurde. Trotzdem habe ich beinahe widerwillig zu lesen begonnen; schließlich ist gerade Buchpreiszeit, und ich bin im Longlist-Fieber. Weiterlesen

Botho Strauß – Paare, Passanten

 

paareBotho Strauß ist ein guter Beobachter; Kleinigkeiten sind es, die er hier beschreibt, ein Paar beim Essen, Begegnungen, Blicke, Schweigen, Körpersprache – und das alles in einer wunderbaren Sprache. 

Und dennoch – mir fehlt das narrative Element, eine Beobachtung reiht sich an die nächste, die nächste, die nächste, die nächste… 

Für mich zu wenig, trotz der beschriebenen Pluspunkte