Hanya Yanagihara – A Little Life

hanyaWas macht ein Leben aus? Was bestimmt, wie wir werden, wer wir sind? Dieser Roman handelt von großen Kindheitstraumen, von Missbrauch, aber auch von tiefer Freundschaft, großer Liebe, Vertrauen – und dem Bewusstsein, dass all das trotzdem für manche nicht genug sein kann. Unglaublich intensiv und emotional geschrieben und doch auch mit Schwachpunkten, die zu groß sind, um überlesen zu werden.

Aber der Reihe nach. “A Little Life” handelt von vier jungen Männern, die sich im College kennenlernen, weil sie sich im Studentenheim ein Zimmer teilen. JB und Malcolm kommen aus (relativ) wohlhabenden Verhältnissen, während Willem und Jude ein Vollstipendium haben und auch benötigen. Doch während man von JB, Willem und Malcolm nach und nach erfährt, wie sie aufgewachsen sind, bleibt Judes Vergangenheit anfangs weitgehend im Dunkeln. Das Einzige, was man erfährt ist, dass es eine sehr traurige, düstere Vorgeschichte gibt.

Im Wesentlichen handelt das Buch dann auch von Jude – und Willem, denn, soviel darf man glaube ich schon verraten – zwischen diesen beiden entwickelt sich eine sehr enge Beziehung. Doch während nach außen hin Judes Leben immer rosiger und glorreicher wird – er ist beruflich sehr erfolgreich, seine Freunde halten sehr große Stücke auf ihn und sind unendlich loyal, und er wird im Alter von 30 Jahren sogar noch adoptiert – sieht es in seinem Inneren ganz anders aus. Er hat aus seiner Kindheit auch gesundheitlich massive Beeinträchtigungen mitgenommen, leidet zum Teil unendliche Schmerzen und fügt sich allerdings auch selbst beträchtliche Wunden zu.

Ich will vom eigentlichen Plot gar nicht zu viel verraten; man kann die Details auch bei Wikipedia nachlesen, wenn es darauf ankommt. Aber nun zu dem, was das Buch für mich ausgemacht hat.

Gerade zu Beginn war ich sehr schnell völlig in den Bann gezogen. Die Geschichte entwickelt sich langsam, man lernt die einzelnen Charaktere kennen, ihre Beziehung untereinander, ihre Wünsche und Ambitionen, begleitet sie auf ihren ersten Schritten in ihr Berufsleben.

Anfangs wechselt die Erzählstimme zwischen den vier jungen Männern hin und her; schon Willems Erzählungen von seiner freudlosen, lieblosen Kindheit sind von einer emotionalen Intensität, die einem den Hals eng werden lässt.

Das steigert sich noch, wenn man dann stückweise von Judes Vergangenheit erfährt. Seine Kindheit ist geprägt von Missbrauch und Gewalt, so sehr, dass es kaum zu ertragen ist – und das schon beim Lesen. Es ist dazu so lebendig, so intensiv und emotional nachfühlbar beschrieben, dass man gar nicht anders kann als mitleiden.

Es ist die ganz große Stärke dieser Autorin, die Erfahrung von Schmerz und Qual auf eine Weise zu schildern, die einen auf einen emotionalen Höllenritt mitnimmt. Selbst später dann, als ich aufgrund der nicht enden wollenden Schicksalsschläge eigentlich schon deutlich Distanz zum Geschehen hatte, konnte ich diese Passagen nicht ohne feuchte Augen lesen. Ein wenig so, wie wenn man im Kino bei kitschig-traurigen Stellen heult, weil die Musik so dramatisch ist.

Jude ist wegen seiner Vergangenheit von Scham und Ekel erfüllt, die er durch selbstzerstörerische Aktionen zu ertragen versucht. Er ritzt sich, säbelt ganze Fleischstücke von seinen Armen, isst zuwenig etc. Und auch hier wieder ist die innere Gefühlslage von Jude auf eine Weise beschrieben, dass ich zum ersten Mal dieses Bedürfnis nach Schmerz nachfühlen konnte. Die ganze ungeheuer destruktive Gefühlswelt von Jude ist gleichzeitig so wirklich berauschend beschrieben, dass man das Buch kaum aus der Hand legen mag und es gleichzeitig kaum erträgt, weiterzulesen.

Zu den Schwachpunkten des Romans allerdings zählt der Plot im Allgemeinen und im Besonderen. So grausam die Vergangenheit ist, so viel Liebe und Güte wird ihm nun zuteil; Jude ist nicht nur ein begnadeter Anwalt, sondern auch Klavierspieler, Sänger, Mathematiker, sieht umwerfend aus… so wie auch die Freunde durch die Bank in ihren Bereichen ausgesprochen erfolgreich sind, sei es als Künstler, Architekt, Schauspieler….

Die Handlung erstreckt sich über gut 30 Jahre, und doch ändern sich die gesellschaftlichen Umstände nicht; auch wenn es in New York spielt, ist dieses NY im Prinzip immer gleich, es bildet nur den Rahmen. Auch die Personen selbst werden zwar älter, verändern sich aber nicht wirklich; sie sind trotz aller Schichten der Vergangenheit, die darin geschildert werden, doch irgendwie Abziehbilder.

Auch die Erzählperspektive verengt sich; auf Jude, Willem aber auch auf Harold, dessen Berichte sich wiederum an Willem richten – was, ehrlich gesagt, gerade gegen Ende überhaupt keinen Sinn ergibt.

Man mag es als den großen Roman über eine Liebe zwischen zwei Männern ansehen – aber, und auch das empfand ich als großen Pluspunkt: es spielt eigentlich keine Rolle, dass diese beiden Freunde zufällig demselben Geschlecht angehören. Es ist die Liebe zwischen zwei Menschen, mit allem, was sie eben ausmacht.

Bei aller Faszination für die Abgründe, die die Autorin wirklich meisterhaft schildern kann – insgesamt war die Anzahl der Dramen, die dem Leser hier zugemutet werden, einfach zu viel, zu unglaubwürdig auch. Auch die wechselnden Erzählperspektiven führten in dieser Form für mich zu Irritationen. Erst war ich ja überrascht, dass ich noch keine Ankündigung für eine Übersetzung ins Deutsche gefunden habe – aber mittlerweile kann ich es besser nachvollziehen. Ich wünschte, man könnte das Buch noch ein wenig überarbeiten, definitiv um wenigstens 200 Seiten kürzen, und in dieser Form dann auch hier dafür sorgen, dass die Wucht der Erzählkraft die LeserInnen umwirft.

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