Ian McEwan – Kindeswohl (The Children Act) – Das besondere Buch

KindeswohlschlangeEs kommt derzeit nicht so häufig vor, dass ein Buch mich so richtig begeistern kann. Das liegt vermutlich durchaus auch an meiner Auswahl – so manches Buch, von dem ich hoffe, dass es mir gefallen könnte, spare ich mir durchaus auf für Zeiten, in denen ich empfänglicher und offener bin.

Auch “Kindeswohl”, den neuen Roman von einem meiner Lieblingsschriftsteller, hatte ich nach den ersten paar Seiten wieder weggelegt. Da steckt was drin, das war mir sofort klar. Das ist eines dieser Bücher, die dich da packen, wo es wehtut.

Zum Inhalt wurde in den vielen, vielen Rezensionen ja schon jede Menge gesagt. Fiona, eine Richterin von 59 Jahren, wird ziemlich gleichzeitig mit zwei Themen bestürmt, von denen jedes für sich schon elementar ist. Ihr Mann eröffnet ihr, dass er eine Affäre haben möchte. Nicht heimlich, sondern mit ihrem Wissen, ihrer Duldung, denn am eigentlichen Status der Ehe möchte er nichts ändern. Aber ihm fehlt Leidenschaft, Sex, Hingabe – er möchte das noch einmal erleben.

Gleichzeitig soll sie sich mit dem Fall eines beinahe volljährigen Jungen beschäftigen, der aufgrund seiner Glaubenszugehörigkeit die lebenserhaltende Behandlung mit Blutkonserven verweigert. Das Gericht soll nun entscheiden, ob seinem Willen stattgegeben werden kann, oder ob man einem noch unmündigen Menschen das Weiterleben ermöglichen muss, weil er die Tragweite seiner Handlungen noch nicht entsprechend übersehen kann.

Es kommt zu einer Begegnung, ihre Entscheidung rettet ihm das Leben, aber führt auch dazu, dass er ein ein Vakuum stürzt, das der Junge gerne von Fiona aufgefüllt hätte.

Themen wie diese, die hier angeschnitten werden, haben mich seit jeher interessiert. Wie weit nimmt man die Möglichkeiten der modernen Medizin in Anspruch, inwieweit ist man berechtigt, diese Entscheidung nicht nur für sich, sondern auch für die Menschen, die einem anvertraut sind, zu treffen. Es sind weitrechende ethische Entscheidungen, und diese in Zusammenhang mit geltendem Recht zu betrachten ist faszinierend.

Dazu kommt aber auch die Problematik innerhalb dieser Ehe. Es ist eine gute Ehe, es gibt gemeinsame Ziele, eine Gesprächskultur, die Wertschätzung ist nach wie vor da. Aber es kommt nun der Punkt, wo die Lebensentwürfe noch einmal hinterfragt werden. Fiona und Jack hatten sich gegen eigene Kinder entschieden, obwohl sie beide durchaus einen latenten Kindeswunsch hatten / haben. Der Zeitpunkt war nie richtig, es gab andere Pläne, die Priorität hatten, und insgesamt gesehen ist sie mit sich und ihrer Entscheidung auch im Reinen. Doch gerade auch Jacks Ausbruch aus dieser Ehe führt die Optionen, die ihm noch offen stehen und ihr nicht mehr, klar vor Augen. Dieser Junge, dessen Leben sie rettet – er hätte diese Leerstelle füllen können. Die Versuchung ist da, aber ihr wird nicht nachgegeben.

Am Ende erfährt sie, was ihre Zurückweisung nach sich gezogen hat. Man erlebt noch den dramatischen Schlussakkord im Orchester – aber was das für sie selbst und auch ihre Ehe bedeutet, bleibt dem Leser überlassen.

Eine Menge Stoff zum Nachdenken, zum Hineinfühlen und Weiterspinnen war das für mich. Es geht wohl auch noch vielen anderen LeserInnen so; das Netz ist voll des Lobes, eigentlich bräuchte es meinen kleinen Kommentar dazu nicht mehr. Vor kurzem fand in Berlin ein “Tag mit Ian McEwan” statt, es wurde aus mehreren seiner Bücher gelesen, Bernhard Robben hat ein wenig aus dem Übersetzer-Nähkästchen geplaudert, die Musik, die in dem Buch eine  so große Rolle sielt, konnte man live hören (ganz großartig!) und Daniel Kehlmann hat danach noch mit dem Autor über sein Buch diskutiert.

Aber vor allem hat es mich fasziniert zu sehen, wie viele Menschen zu dieser Veranstaltung gekommen sind. Es waren jedenfalls deutlich mehr, als die Veranstalter einkalkuliert hatten – der Imbiss, der in der Pause serviert wurde, war schon ausverkauft, ehe die Pause so richtig begann. Die Schlange derjenigen, die ein Buch vom Autor signiert haben wollten, zog sich zweimal (vor und nach der Lesung) durch das ganze Foyer und noch die Treppe hinunter. Der Saal fasst beinahe 1000 Menschen – ich weiß nicht, wie sich die Plätze auf Parkett und Rang verteilen, doch im Parkett blieb kaum ein Platz unbesetzt.

Also eigentlich ein Aufruf, dieses Buch TROTZ der allgegenwärtigen Lobeshymnen zu lesen. Für mich eines der immer rarer werdenden besonderen Bücher.

Ein Gedanke zu “Ian McEwan – Kindeswohl (The Children Act) – Das besondere Buch

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