Robert Seethaler – Ein ganzes Leben

seethalerSeethaler erzählt in diesem schmalen Band vom Leben eines wortkargen Mannes, der sein Leben in den Bergen verbringt.
Er ist das ungeliebte Ziehkind auf dem Bauernhof, auf dem er aufwächst – eines Morgens im Alter von vier Jahren von der Stadt aufs Land gebracht worden, die Mutter war in der Stadt auf Abwege geraten und hatte ihrem Bruder das Kind, mit ein paar Silberlingen als Versüßung, überlassen.

Es folgt, was man eigentlich schon erwartet. Harte Kindheit, viel Arbeit, keine Liebe, dafür häufige Züchtigung – die so weit geht, dass dem Kind bei einer der Prügelarien das Bein so schlim gebrochen wird, dass er nie mehr ohne Humpeln laufen kann.

Doch natürlich wird aus ihm ein großer, starker Mann, trotz dieser Einschränkung, der ausgesprochen arbeitsam ist und alles stoisch erträgt. Bis er dann auf Marie trifft. Hier will er dann erstmals mehr aus sich machen, denn einer Frau muss man etwas bieten. Er heuert also bei der Firma an, die eine Seilbahn auf den Berg bauen will, arbeitet auch dort natürlich fabelhaft, und eines Tages ist es soweit, dass er seiner Marie einen Antrag macht, und zwar einen ausgesprochen romantischen – mit petroleumgetränkten Säcken, die die Kollegen auf dem Berg entzünden, schreibt er seine Liebe zu ihr geradezu in die Landschaft.

Leider ist das Glück nur von kurzer Dauer – eine Lawine nimmt ihm Frau und Heim. Doch er trägt sein Leid wie immer – wortkarg und stoisch. Und mit Arbeit. Für die Seilbahnfirma arbeitet er nun auch in den umliegenden Tälern, um die Drähte frei zu halten.

Bis dann der Krieg kommt. Er meldet sich freiwillig, kommt in Gefangenschaft, bleibt da 8 Jahre lang, ist eines Tages wieder frei und kommt zurück – um das Tal nie mehr wirklich zu verlassen.

Es gibt, das will ich gleich voran schicken, einige sehr schön geschilderte Szenen in diesem Roman, die die Liebe zur Natur, zu den Bergen ganz greifbar werden lassen. Ich kann also verstehen, warum dieser kleine Roman für viele eine Art Kleinod ist.

Mich hatte beim Lesen aber trotzdem ein Unbehagen ergriffen, das ich lange nicht wirklich greifen konnte. Nach einigen Gesprächen glaube ich den Punkt nun halbwegs benennen zu können. Mich stört diese Darstellung des Typus “naiver, ungebildeter Mensch, der nie Liebe erfahren hat, aber ein so reines Herz hat, dass er natürlich moralisch seiner Umgebung bei weitem überlegen ist”. An diesem Andreas Egger ist kein Arg, kein bisschen Bosheit, Missbilligung, er ist einfach nur gut. So im Innersten, in seiner reinen, unverbildeten Seele. Das empfinde ich als zu glatt und leider auch zu uninteressant.

Details am Rande, die ich spannend fand, waren dann auch eher die Anfänge des (Massen)Tourismus in jener Region, die Erschließung durch die Seilbahnen, die Veränderung in der kleinen Gemeinde.

Ein Gedanke zu “Robert Seethaler – Ein ganzes Leben

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