Michael Köhlmeier – Zwei Herren am Strand

Köhlmeier Zwei Herren am StrandEigentlich hatte ich erwartet, dass ich mit diesem Buch gar nichts falsch machen kann. Ein Autor, den ich seit vielen Jahren sehr schätze und mag. Ein Thema, das ich kenne und das mich fasziniert (Depressionen und ihr Umgang damit). Ein bisschen Zeitgeschichte. Dazu zwei bekannte Persönlichkeiten, die ich zumindest bislang in keinen Zusammenhang zueinander gebracht hätte – Charlie Chaplin und Sir Winston Churchill.

Zu meinem großen Bedauern empfand ich die Leküre aber nicht als Vergnügen, sondern zähe Arbeit. Was zu Beginn noch viel verspricht, die Begegnung von Chaplin und Churchill, als Chaplin diesmal dem anderen über eine schwer depressive Phase hinweghilft, verliert sich bald in einer viel zu umständlichen Rahmenerzählung (der Vater, der sich für Churchill interessiert hatte, der Sohn, der Clown wurde, dazu immer wieder die umständlichen Erklärungen, wie sie an die Dokumente gelangt sind, mit denen die Behauptungen hier im Buch belegt werden sollen…).

In kurzen Passagen blitzt das Erzähltalent Köhlmeiers durchaus immer wieder auf. Dann nämlich, wenn er eine Weile bei einer seiner Figuren bleibt, eine einzelne Szene schildert, die mir die Personen näher brachte als alles, was drumherum an Erklärungen geliefert wurde.

Dazu kommt natürlich, dass Köhlmeiers Erzähler kein verlässlicher Erzähler ist. Das kennt man schon aus seinen anderen Büchern. Er behauptet nicht von sich, dass alle Fakten in seinem Buch stimmen – er erfindet Beweise dazu, die – wenn man bei Google nachforscht – eigentlich immer nur den Verweis auf sein Buch zu Tage fördern. Das ist ein charmanter Zug, den ich in seinen Büchern sehr mag.

Aber das zu Beginn angekündigte große Thema, die Depression, kommt mir im Laufe des Buches doch deutlich zu kurz. Es gibt einige wenige Passagen, die die vollständigen Selbstzweifel schildern, aber alles danach wird bloß Staffage. Das hat man schon tausendmal (und oft auch besser…) gelesen. Schade! Hier wurde für mich Potential verschenkt.

Am meisten leidet das Buch jedoch in meinen Augen daran, dass der Autor sich nicht auf sein Erzählen verlassen hat, sondern in enervierenden Einschüben und Zwischenberichten den Lesefluss blockiert.

Schade – ich hatte mir von diesem Roman deutlich mehr erhofft.

Ein Gedanke zu “Michael Köhlmeier – Zwei Herren am Strand

  1. Meine Erwartungen wurden leider auch enttäuscht. Ich empfand besonders die Passagen sehr zäh, in denen Biographisches oder Künstlerisches, wie die Filme Chaplins, geschildert wurde. Schade.

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