Ursula Krechel – Landgericht

landgerichtLandkreis wurde 2012 mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet. Schon als es auf der Longlist auftauchte, hatte es mich gereizt – obwohl ich eine gewisse Übersättigung an mir feststelle, wenn es um die Aufarbeitung des Nazi-Regimes in der Literatur geht, hatte die ganz spezielle Konstruktion dieses Romans mich schon von Anfang an gereizt.

Auch nach dem Besuch einer Lesung, als die Autorin über den Entstehungsprozess des Romans erzählt hatte, war ich voll des guten Willens, das Buch so bald als möglich zu lesen. Dank Skoobe hatte ich auch schon früh die Gelegenheit dazu – und doch… habe ich bis eben gebraucht, es auch tatsächlich zu lesen. Und wenn nicht die zusätzliche Motivation in Form des “Gruppendrucks” meines Lesekreises gewesen wäre (dem ich das Buch selbst vorgeschlagen hatte…) hätte ich womöglich noch länger gezögert.

Warum eigentlich? Das hatte ich mich zumindest, als ich endlich wirklich begann, immer wieder gefragt. Richard Kornitzer, der bis 1933 in Berlin Richter war, kehrt nach seinem Exil in Kuba zurück zu seiner Frau Claire an den Bodensee. Die Wiederbegegnung des 10 Jahre getrennten Ehepaares mit zu erleben, auch dann die Veränderungen, die in beiden vorgegangen sind und vor allem der große Verlust, den sie beide erlitten haben, nachzuvollziehen – die Kinder, die sie nach England geschickt hatten, damit diese dort den Krieg überleben sollten – das alles waren Dinge, die mir auch aufgrund der Art, wie sie mir geschildert wurden, unheimlich nahe gingen.

Gleichzeitig hatte ich ein schon beinahe körperliches Unbehagen, weiterzulesen. Und das lag daran, dass mich die Art und Weise, wie mit den Remigranten umgegangen wurde, ja, wie überhaupt in dieser Zeit mit den Opfern umgegangen wurde, einfach nach wie vor fassungslos macht. Es ist eine Mischung aus Wut, Resignation, Schuldgefühlen und Angst, die sich in mir breit macht. Und genau aus diesem Grund würde ich das Buch gleichzeitig am liebsten allen in die Hand drücken und sie auffordern, es zu lesen, darüber nachzudenken. Es zur Schullektüre zu machen.

Dabei gehört Kornitzer noch zu denen, die vergleichsweise Glück hatten. Er ist körperlich unversehrt geblieben, seine Familie ist noch am Leben, er konnte auch in Kuba arbeiten. Das bekommt er auch zu spüren – denn natürlich ist es auch den Menschen, die nicht verfolgt wurden, hier oft nicht gut gegangen, mussten sie große Verluste durch Bombardierungen etc. hinnehmen. Ein großer Pluspunkt des Romans ist für mich, dass Krechel hier zeigt, wohin dieses Aufrechnen führt, wie es auch damals schon die Gegenwart für alle vergiftet hat. Sie urteilt nicht darüber, dass die Rückkehrer nicht gerade mit offenen Armen wieder empfangen wurden, sie zeigt auch auf, aus welcher Sitation heraus die Ablehnung erfolgte. Und gerade diese Ambivalenz macht es auch so schwer auszuhalten.

Dennoch war ich nicht immer glücklich mit diesem Buch. Auch wenn sich am Ende alles fügt und alles schon seine Berechtigung hat, hätte ich mir doch zumindest eine deutliche Straffung der Vorkriegs- und Kuba-Kapitel gewünscht. Vor allem die Ausflüge ins Lyrische (Kornitzers Liebesbeziehung zb) haben mir sprachlich so gar nicht zugesagt – sie passten auch nicht zum sonst recht nüchternen Rest.

Gegen Ende, als die eigentliche “Tat”, die öffentliche Anklage Kornitzers beschrieben wird, war ich als Leserin auch durchaus etwas gelangweilt.

Doch dann wird der Bogen noch einmal gespannt, und das – traurige – Ende des Romans hat mir wieder einmal vor Augen gehalten, dass sich die Lektüre doch gelohnt hat.

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