Teju Cole – Open City

leserunde_coleMittlerweile ist es schon wieder ein paar Tage her, seit unsere Leserunde sich getroffen hat, um über Teju Cole – Open City zu sprechen.

Es gab ein paar Absagen, die vermutlich auch darin begründet lagen, dass das Buch nicht oder nur unvollständig gelesen wurde – von den Anwesenden gab es nur einen, der nach 150 Seiten der Langeweile entnervt aufgegeben hatte.

Insgesamt kam das Buch aber ganz gut weg. Wir haben uns lange über die Distanz unterhalten, die der Autor / Ich-Erzähler in diesem Buch sowohl in uns Lesern erzeugt hat (keiner ist ihm nahe gekommen), als auch darüber, wie distanziert er allem, was ihn betrifft, auch selbst gegenübersteht.

Als Roman empfand ihn eigentlich niemand als so richtig gelungen. Dazu fehlte ein innerer Faden, eine Entwicklung, ein wenig Anteilnahme. Aber im Laufe des Gesprächs kamen wir darauf zu sprechen, dass Cole seinen Roman wie eine Fuge angelegt hat – das Thema der Vögel, die an der Freiheitsstatue sterben, nimmt er am Ende wieder auf, dazwischen werden viele einzelne Motive in den Text einfach hineingewoben.
Für eine Reportage, fanden wir, ging der Autor in seinen einzelnen Themenbereichen zu wenig in die Tiefe. Auch für einen Essay hat er seine Themen zu wenig aufbereitet. Daher rührte auch die Enttäuschung mancher Leser.

Die einzelnen Themen, die er angerissen hatte, fanden wir durchaus interessant. Man möchte gerne mit ihm durch die Stadt flanieren und sich von ihm erzählen lassen, was es an Geschichte dazu zu wissen gibt. Dass er überaus belesen und informiert ist, daran zweifelte keiner. Aber die Präsentation dieses Wissens traf nicht überall auf Zustimmung. Denn auch hier galt: es war sehr vieles nur die Erwähung eines Namens, die dem Eingeweihten vermitteln sollte, worum es dem Autoren hier ging. Dafür brachte der Text aber nicht genug Mehrwert. Und dem Leser, der die genannten Namen gar nicht kannte, hatte noch weniger davon, da er ja auch aus dem Text nichts weiter erfuhr.

Etwas anders nahmen wir das bei den Musikschilderungen wahr – die wurden überwiegend als sehr gelungen und ergreifend empfunden.

Achtung, hier kommt eine SPOILER-Warnung:

Gegen Ende des Romans gibt es eine Szene, da sitzt Julius morgens auf einer Dachterrasse mit einer jungen Frau, die er schon in Nigerien kannte und die ihm  hier in New York wieder über dem Weg gelaufen war. Er findet sie attraktiv und begehrenswert, doch sie ist schon mit einem anderen Mann zusammen. An diesem Morgen, nach einer Party, erzählt sie ihm, dass er sie vor Jahren in Nigerien vergewaltigt habe und er sich wohl an nichts erinnern könne oder wolle.

Diese Szene wird einfach so eingeworfen. Gleich darauf geht das Leben eigentlich weiter wie zuvor. Und es ist zumindest für mich ziemlich symbolisch dafür, warum das Buch mir zwar in Ansätzen durchaus gefallen hat, es mich aber nicht begeistern konnte. Das, was im Buch passiert, hinterlässt beim Ich-Erzähler einfach keinen Eindruck. Es verändert ihn nichts, es berührt ihn vielleicht manches ganz kurz, aber er flaniert auch durch eine solche Konfrontation einfach nur durch, ohne das man den Eindruck erhält, so eine Nachricht – die, darüber waren wir uns auch einig, alle von uns eigentlich zutiefst verstören würde – führe bei ihm zu Schuldgefühlen, weiterem Grübeln, Übernahme von Verantwortung in welcher Form auch immer. Wir empfanden die Szene als deplaziert und konnten damit nichts Rechtes anfangen.

Alle LeserInnen des Buches: falls ihr eine Erklärung für diese Szene habt, ich würde mich darüber freuen!

Für unser nächstes Treffen haben wir von Chimananda Ngoze Adichie – Americanah ausgewählt.

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