Elizabeth Gaskell – Half a Life-Time Ago (Vor einem halben Leben)

lifetimeIch hatte es ja schon einige Male erwähnt – ich lese mich gerade ganz langsam durch die Erzählungen von Elizabeth Gaskell. Da von dieser Autorin nur sehr wenig auf Deutsch erschienen ist, nutze ich das Angebot der Gratis-Klassiker. Neben den anrührenden Geschichten fängt sie mich auch immer wieder ein mit ihrer Sprache.

Diese Erzählung hier, die knapp 90 Seiten umfasst, beginnt mit der Schilderung eines höchst malerischen kleinen Hauses, das so einladend auf alle wirkt, die daran vorbeigehen und seine Geschichte nicht kennen. Doch wer näher kommt, etwas Gastfreundschaft genießen möchte, sieht sich bald der Hausherrin, Susan Dixon gegenüber, einer geizigen, kalten, alten Frau. (Achtung, Fortsetzung enthält Spoiler).

Dass das nicht immer so war, erfährt man dann bald. Vor einem halben Leben war Susan hübsch und lebendig, ein fröhlicher Sonnenschein. Es gab einen jungen Mann, der sich für sie interessierte, Michael Hurst. Die Verlobung war eigentlich nur noch eine Formsache, als Susans Mutter verstarb und ihr auf dem Totenbett das Versprechen abnahm, sich an ihrer Statt immer um den kleinen, etwas zurückgebliebenen Bruder Will zu kümmern.

Nach einem Zwischenfall, der Michaels aufbrausenden Charakter zeigt und schon ein Vorbote ist für das Verhältnis zwischen Michael und Will, kommt es dann doch zur Verlobung. Aber ach, der nächste Schicksalsschlag naht. Diesmal rafft ein Fieber den Vater hinweg, auch Susan selbst wird krank, man bangt um ihr Leben. Auch Will wird vom Fieber ergriffen – und auch wenn er körperlich wieder gesundet, geistig ist nun Hopfen und Malz bei ihm verloren.

Susan liebt und pflegt ihn dennoch mit all ihrer Aufopferung. Nur Michael kann die Vorstellung nicht ertragen, mit einem Idioten unter einem Dach zu leben, zumal er schon voraussieht, dass Susans Zeit und vielleicht auch Zuneigung für ihn nicht mehr ungeteilt zu haben ist. Es kommt zu einem großen Zerwürfnis zwischen den Liebenden, doch Susan bleibt bei ihrer Entscheidung, auch wenn sie ihr das Herz bricht: sie steht zum Versprechen, das sie ihrer Mutter gegeben hat, und lässt Will nicht im Stich.

Während sie ein schweres Leben der Aufopferung und, nach Wills Tod, der großen Einsamkeit lebt, heiratet Michael nicht lange danach, es kommen Kinder… doch auch ihm ist das Glück nicht hold, er trinkt, die Kinder sind krank, es geht bergab mit ihm. Bis dann in einer Schicksalsnacht lange Jahre danach etwas seltsames geschieht. Susan glaubt, in einer Winternacht einen Hilfeschrei aus den Bergen zu machen, und macht sich dorthin auf. Sie findet einen Mann am Fuß eines Felsens vor, schleppt ihn mit ihrer letzten Kraft nach Hause, doch er ist bereits tot. Doch nicht der Tod an sich ist es, der sie dann verzweifeln lässt – es ist die Tatsache, dass es sich bei dem Mann um Michael Hurst handelt. Voller Verzweiflung nimmt sie eine letzte Pflicht auf sich – seine Frau zu informieren…

Ist das kitschig? Sicher. Es ist rührselig, dramatisch, vieles kommt uns heute seltsam vor. Und doch hat diese Erzählung mich sehr angerührt. Elizabeth Gaskell schafft es, die innere Zerissenheit der Figuren spürbar zu machen, und ich bewundere, wie sie das anstellt.

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