Sibylle Lewitscharoff – Killmousky. Krimi (Versuch)

killmouskyNachdem dieser “Krimi” ja aktuell in allen namhaften Literatursendungen des deutschen Fernsehens Thema war (was ein ganz anderer Skandal ist, diese Häufung immer..) wollte ich schon über Lewitscharoff und ihren Krimi lospoltern. Sie hat sich bei mir mit ihrer Dresdner Rede nicht unbedingt beliebt gemacht. Und die Reaktionen, die auf diesen Katzenkrimi kamen, waren auch nicht gerade freundlich. Aber dann… wollte ich doch wenigstens wissen, worüber ich meckere, und habe das Buch gelesen. Eins gleich vorweg: das ist kein großer Aufwand. In drei Stunden ist man damit durch. Locker.

Lewitscharoff hat hier also einen Krimi über einen ehemaligen Spitzenpolizisten geschrieben, der seinen Dienst vorzeitig quittieren musste, weil er einem Entführer Gewalt angedroht hatte, um ihn zu einem Geständnis und vor allem der Auskunft zu überreden, wo sich die entführten Mädchen aufhalten.

Das alleine wäre eigentlich schon eine ziemlich gute Ausgangslage für einen Krimi. Ein moralischer Konflikt, der von einem guten Autoren auch geschickt genutzt worden wäre. Lewitscharoff dient er nur als Aufhänger dafür, warum ihr Ellwanger von nun an keine Beschäftigung mehr hat, außer seinem Kater beim Spielen im Schnee zuzusehen. (Die Einführung, wie dieser Kater denn überhaupt zu ihm kam, und die Anspielung auf die Fernsehkrimis “Inspektor Barnaby”, die ich auch ab und an gerne sehe, weil sie trotz vieler Leichen so schön harmlos sind fand ich im Übrigen noch wirklich nett zu lesen, mit ihren für sie sehr typischen sprachlichen Verschrobenheiten, aber halt: nett.)

Da ruft ihn seine Vermieterin an und schanzt ihm einen Auftrag zu – er soll für einen reichen New Yorker ermitteln, dessen Tochter Selbstmord begangen haben soll, woran der Vater aber nicht glaubt. Und schwups, ist der Ellwanger in New York, obwohl er miserabel Englisch spricht (aber offensichtlich passiv der Sprache ganz hervorragend mächtig ist, denn kein einziges Mal ist die Rede davon, dass er nicht versteht, was gesprochen wird). Seine Vermieterin, die sich ihre Wohnung ganz urig eingerichtet hat, klärt ihn über den Fall auf. Dann lernt er den Verdächtigen kennen, sowie auch die Schwester der Toten usw. Gäste auf der Party in New York, bei der dieses Kennenlernen von sich geht, ist auch eine gewisse Dorothy Parker. Kalauer lässt grüßen….

jedenfalls “ermittelt” er dann, oder was auch immer Lewitscharoff glaubt, was darunter zu verstehen ist. Hier fährt er mit der Schwester der Toten nach Long Island, stirbt fast vor Angst vor ihren Fahrkünsten, landet dann aber doch mit ihr im Bett. Um am nächsten Tag mit detektivischem Spürsinn herauszufinden, dass sie mit dem Mann ihrer Schwester, der ja hier unter Verdacht steht, ein Verhältnis hatte.

Die “Spuren” führen ihn dann nach Deutschland, hier sucht er ein bisschen rum, findet raus, dass er nichts weiß, fliegt wieder nach New York, und dort kommt es dann zum ganz großen Showdown, denn “irgendwann hätten Sie es ja selbst herausgefunden.” Der geneigte Leser bezeifelt dies.

Man hätte aus der Ausgangssituation durchaus etwas machen können. Gerade auch eine Autorin, die an sich recht sprachmächtig ist, was man Lewitscharoff ja eigentlich auch dann nicht absprechen kann, wenn man ihr nicht gewogen ist.

Diesen Krimi empfand ich aber durchwegs als misslungen. Während der Vorspann sich noch nett liest, wird es spätestens in New York schwierig – denn da beginnen die Dialoge. Ich habe nun noch nicht viel von Lewitscharoff gelesen, Apostoloff hat mir ganz gut gefallen, während ich mit Blumenberg wenig anfangen konnte. Was darin in meiner Erinnerung NICHT vorkam, waren Dialoge. Ein Krimi ohne Dialoge? Wäre ein Versuch gewesen. Hätte gerade Lewitscharoff, die ja kompliziertere Satzstrukturen schätzt und darin zu Hause ist, sicher gut hinbekommen. Leider hat sie es aber nicht getan. Sondern ihre Protagonisten ausgesprochen hölzerne Gespräche führen lassen, die mir beim Lesen Bauchschmerzen bereitet haben. Leider geht darin dann auch jeder Witz verloren, den sie in ihrer Sprache sonst unterbringen kann. Ihre Verschrobenheiten pflegt sie hier auch weiterhin, das Telephon wird genauso mit ph geschrieben wie auch das Photo und so weiter, sie hat ihre typisch schwäbischen Worter (die Leute “hockten” beinander). Bei einem Treffen mit seiner Exfrau fällt ihm ihre “zerzäuselte” Lippe auf. Manchmal frage ich mich aber auch, ob es nicht einfach ein Fehler ist, wie beim Satz “Offenbar ziemlich geärgert, griff sie nach dem Glas”. Was für mich mit verärgert besser funktionieren würde.

Dann die Gespräche, die Ellwanger auf die Spur des Mörders führen sollen! Der Hauptverdächtige steht ganz nebenbei auch noch im Verdacht, ein Deutscher zu sein, und Ellwanger spinnt vor sich hin, ob er ihn an Redewendungen, wie speziell Deutsche sie im Englischen vielleicht benutzen, entlarven könnte. Zwar wird das dann noch verneint, aber schon das Ansinnen für einen, der die Sprache doch so schlecht spricht..

Bei einem weiteren Gespräch hat er Sepp dabei, den Mann, mit dem seine Vermieterin in New York zusammenlebt. Das gipfelt dann in solchen Sätzen: “Dazu konnten die beiden Fragesteller nur andächtig nicken und mit mokant verzogenen Ironiemündern einander heimlich zublinzeln.”

Der Gipfel an psychologischer Durchdringung der Charaktere liest sich dann so: “Gut möglich, dass er als Adoptivkind die frühe Erfahrung des Ausgesetztseins nie losgeworden war und deshalb unberechenbar reagierte, wenn eine Frau ihn verschmähte.” oder “Reiche Amerikanerinnen sind übrigens entweder frigide, oder sie sind Nymphomaninnen.”

Soviel zum Thema, sie hatte vor, mit diesem Buch die unterschiedlichen sozialen Schichten zu zeigen. Leider gelingt ihr das alles nur nicht. Eine der Grundregeln bei Krimis lautet ja (behaupte ich jetzt einfach mal): “Show, don´t tell”. Hier ist alles nur Show, aber es entsteht trotzdem kein Bild vor dem Leserauge. Unterschiedliche soziale Schichten? Aber trotzdem sprechen und denken sie alle gleich.

Gerade, wenn man im Zusammenhang mit diesem Buch auch ihre Interviews bei Druckfrisch und beim Blauen Sofa ansieht, merkt man, sie wollte Chandler und Highsmith nacheifern. Sie liebt angeblich Krimis, aber sie hat von dem, was heute in Krimis passiert, ganz offensichtlich keinen blassen Schimmer (und gibt auch offen zu, hier nichts zu kennen, nichts gelesen zu haben.) Ja, Chandler schreibt sehr kurz und knapp. Das hat sie offenbar versucht nachzuahmen. Aber der Versuch, dabei dann trotzdem noch etwas zu transportieren, Atmosphäre zu schaffen, ist missglückt. Das könnte in meinen Augen durchaus auch damit zusammen hängen, dass sie ihren Krimi eben großteils in New York spielen lässt. Im heimischen Stuttgart oder Berlin gibt es auch unterschiedliche Schichten, die sie vielleicht besser kennt (oder vielleicht kommt dann zum Vorschein, dass sie sie eben trotzdem nicht besser kennt) und wo auch sie auf ihre eigene Art und Weise die Atmosphäre passend hätte transportieren können. Merke: Krimis dürfen durchaus auch komplexe Sätze enthalten. Krimileser sind nämlich nicht dumm.

Mich nervt diese Diskussion um U und E in der Literatur ja eigentlich. Ich lese gerne Krimis, mag das aber nicht ausschließlich tun, und so geht es mir auch mit anderen Themen. Wenn dann aber eine Iris Radisch behauptet, bei einem Krimi “müsse man die Latte ja nicht so hoch hängen”, dann ärgert mich das. Weil es überheblich ist und zeigt, dass man ein ganzes Genre abqualifiziert, ohne es wirklich zu kennen. Weil es eben auch zeigt, dass die Literaturkritik in sich schon ein sehr enger Klüngel ist. Auch wenn Killmousky nun großteils verdienterweise verrissen wurde, denn in meinen Augen ist es nun mal leider ein missglückter Versuch, erhält dieses Buch dennoch so derartig viel Medienaufmerksamkeit, dass es mich für alle meine Krimilieblinge ärgert. Im Übrigen empfand ich die selbst einige der selbstverlegten Krimis, die ich gelesen habe, sprachlich besser als das, was mir hier geboten wurde, zumindest bei den Dialogen. Ja, ich weiß, indem ich meinen winzigen Blogpost dazu absetze, trage ich auch zu dieser Aufmerksamkeit bie. Zweischneidiges Schwert…

Dennoch. Meine Frage: hat jemand von euch Killmousky gelesen? Oder es vor? Hält euch die Dresdner Rede davon ab? Wie seht ihr das denn allgemein, wenn ein Autor sich diskreditiert – färbt das euer Urteil über seine Bücher?

2 Gedanken zu “Sibylle Lewitscharoff – Killmousky. Krimi (Versuch)

  1. Ich werde dieses Buch sicher nicht lesen, denn ich kann mit Lewitscharoff nichts, aber auch absolut nichts anfangen. Sorry.

  2. Da ich Sibylle Lewitscharoff als Autorin schätze, habe ich Killmousky gelesen, trotz Krimi und Katze.
    Leider fand ich den Roman, bis auf wenige Szenen sehr behäbig. Der Hauptverdächtige von S. 35 erweist sich auch als Täter, das ist etwas unspannend, oder?

    Außerdem hat es mich gestört, daß andauernd auf die schlechten Sprachkenntnisse verwiesen wurde.

    Schade! Ich freue mich trotzdem auf ihr nächstes Buch.

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