Binge-Watching: Literatursendungen / Lewitscharoff

literatursendungenIch sehe kaum fern. Also zumindest kaum dann, wenn etwas gerade ausgestrahlt wird. Dank Festplattenrekordert wird alles aufgezeichnet, und wenn ich dann mal Lust habe, auch angesehen. Das kann dann dazu führen, dass ich, wie an diesem Wochenende, mal so richtig aus dem vollen schöpfe und sämtliche Hausarbeit nur mit Literatursendungen verbracht werden.

Da im Schweizer Literaturclub (aktuell in meinen Augen die beste Literatursendung im TV) in der Ausgabe vom 22. April das neue Buch von Sibylle Lewitscharoff “Killmousky” besprochen wurde und ich schon nach ihrer Dresdner Rede knapp davor war, hier darüber zu schreiben, war ich sehr gespannt, wie die illustre Kritikerrunde darauf reagiert.

Ein wenig vorbereitet war ich ja schon, da vor allem die Reaktion von Elke Heidenreich recht unterschiedlich von den Zusehern aufgefasst wurde.

Schon beim Vorspann kann man sehen, dass Elke Heidenreich nicht entspannt ist. Und als es dann zur Diskussion über das Buch kommt, urteilt sie harsch. Sie wolle über das Buch gar nicht viel sagen, es wäre sehr schlecht, sie habe auch die anderen Bücher der Autorin nicht gemocht und auch teilweise nicht verstanden, und so weiter. Liebling der Feuilletons, etc, dafür werden andere Autoren ein Leben lang übersehen, die viel besser sind. Aber am meisten hat sie sich ganz offensichtlich über die Dresdner Rede der Autorin geärgert, die das Fass für sie zum Überlaufen gebracht hat. Ich muss sagen, ich kann ihrer Argumentation viel abgewinnen. Lewitscharoff IST in ihrer Rede drastisch zu weit gegangen in meinen Augen. Ohne diesen Sturm im Wasserglas jetzt nochmal nachspielen zu wollen: ich bin in sehr sehr vielen Punkten so gar nicht ihrer Meinung. Und das, obwohl ich auch der Meinung bin, dass eine Diskussion darüber, ob alles, was möglich ist, auch gemacht werden muss, wirklich für sehr nötig halte und auch, dass ein kritischer Blick darauf bleibt, was da alles für neue Optionen entstehen und wie man damit umgeht. Da wird mir auch viel zu viel in einen Topf geworfen. Da werden gerne die Extremsituationen von Leihmüttern und Samenspendern in einen Topf geworfen mit all den zum Teil sehr verzweifelten Paaren, die sich dringend ein Kind wünschen und sich diesen Wunsch mit ein wenig “technischer” Hilfe auch ermöglichen können. Die Aussage, dass Lewitscharoff als Tochter eines Gynäkologen das Fortpflanzungsdrama ja sehr persönlich miterlebt habe, zählt dabei für mich nicht, denn was bitte kriegt ein Kind denn davon schon wirklich mit? Das als Erfahrung aus erster Hand heranzuziehen widerstrebt mir sehr. Dennoch: dass, eben gerade weil heute so viele Optionen bestehen, diese auch sehr kritisch betrachtet werden müssen  und dass das auch in einem breiten öffentlichen Raum geschehen muss, um zu verhindern, dass die Regelungen von einer kleinen Minderheit getroffen werden, ist für mich ein sehr sehr wichtiger Punkt. Hier Worte der Mahnung auszusprechen halte ich trotz meiner Befürwortung vieler der dadurch entstandenen Optionen für sehr wichtig. Aber das wesentliche Werk dazu hat meiner Meinung nach Dürrenmatt mit den “Physikern” schon vor vielen Jahren geschrieben.

So, Exkurs beendet – jedenfalls kann ich sehr gut verstehen, warum man diese Worte nicht mehr vom Werk der Autorin zu trennen vermag. Die Diskussion im Literaturclub über Killmousky fiel dann auch verhalten aus; Safranski, der so wunderbare Biographien geschrieben hat, hat sich für mich allerdings an so mancher Stelle diskreditiert.

Danach habe ich mir noch “Literaturclub Plus” angesehen, wo es um Literaturskandale geht und das offenbar unmittelbar vor der aufgezeichneten eigentlichen Literaturclubsendung stattgefunden hat, und nun kann ich noch besser verstehen, warum Elke Heidenreich schon zu Beginn der Sendung so einen angesäuerten Gesichtsausdruck hatte. Denn bei den echauffierten Kommentaren eines Safranski, der sich andere Argumente gar nicht anhören will und auch den Einwand, dass es die von ihm geforderten Bücher aus der Sicht der Kinder, die durch eine Samenspende entstanden sind, doch schon längst gäbe, einfach abtat, war es sinnlos, weiterhin zu diskutieren.

Der Skandal hat Lewitscharoff und ihrem Buch jedenfalls eine große Aufmerksamkeit eingebracht, denn am selben Wochenende ist sie auch in Druckfrisch mit Denis Scheck zu sehen und im Blauen Sofa mit Hilbig. Sie tritt sehr vernünftig auf, entschuldigt sich in beiden Sendungen wieder und wieder für die schlimmsten der Bemerkungen, auch wenn sie natürlich bei ihrer grundsätzlichen Ablehnung jeder Unterstützung der Fortplanzungsmedizin bleibt. Aber interessanter wird hier dann auch schon, was sie denn zu ihrem neuen Buch, ihrem Krimi sagt.

Ich habe ein gepflegtes Vorurteil, wenn “E-”Literaten einen Krimi schreiben. Ich mag den von mir davor geschätzten John Banville gar nicht mehr so gerne lesen, seit er so unsäglich schlechte Krimis geschrieben hat. Und nun muss ich leider sagen, dass diese im Gegensatz zu dem, was da von Lewitscharoff kam, sogar halbwegs in Ordnung waren.

Mich hatte interessiert, ob sie das Buch denn nun als Karrikatur, als ironische Spitze gegen den Krimi angelegt hatte, aber nein, das hatte sie gar nicht. Es ist sicher sehr unterschiedlich, wie man ihre Worte bei Druckfrisch wahrnimmt, aber ich hatte schon den Eindruck, dass sie hier nicht von oben herab “mal eben einen Krimi schreibt, weil das ja viel leichter ist”. Sie sagt selbst, dass das gar nicht so leicht ist, und das glaube ich ihr auch. Aber zu Killmousky an sich dann in einem neuen Beitrag, ich habe gestern abend das Buch dann nämlich als Reaktion auf mein Binge-Watching gelesen….

Die Lesart der Kritik, die ja normalerweise den Krimis fernbleibt, ist ja sehr … nun ja. “Man muss die Latte da nicht so hochhängen, ist ja nur ein Krimi” hat sich etwa Iris Radisch in der Kulturzeit geäußert und damit natürlich einen Sturm der Entrüstung geernet. Verdient, meiner Meinung nach. Es ist eine Sache, ein Genre einfach nicht lesen zu wollen. Ich mag auch nicht alle Genres. Und ich schätze es an einem Kritiker wie Denis Scheck zB sehr, dass er über die Genregrenzen sehr oft einfach hinweggeht und immer offen ist für neue Entdeckungen. Dass er Killmousky trotzdem empfiehlt, hängt in meinen Augen eher mit einer offen zur Schau getragene Loyalität zu einer Autorin, die er an sich sehr schätzt, zusammen. Denn das ist mir zumindest aufgefallen: er ist “seinen” Autoren gegenüber ausgesprochen loyal, auch wenn die Bücher nicht so gut sind, und so schön das an sich auch ist, es macht es mir als Zuseherin schwierig, seinen Empfehlungen und Entdeckungen wirklich durchgängig zu vertrauen.

Nun haben also eine Menge Kritiker, die sonst keine Krimis lesen, diesen hier gelesen und für unterschiedlich gut befunden. Fast alle wollen darin einen Anti-Krimi gelesen haben, eine ironische Anspielung, was weiß ich… meiner Meinung nach sollten diese Kritiker sich vielleicht mal dazu herablassen, erst mal eine Reihe der Krimis zu lesen, die heute so geschrieben werden. Nicht mehr bei Agatha Christie und vielleicht sogar noch Chandler stehen bleiben, weil die zu dem einen oder anderen Kanon gehören und Klassiker sind, sondern sich mal offen und neugierig umsehen bei den Büchern, die heute so rauskommen und in die Genre-Ecke gestellt werden. Da ist vieles dabei, was an Personenzeichnung, Psychologie, Philosophie und zum Teil auch Schönheit der Sprache so manches Buch überragt, dass den E-Stempel trägt.

Neben Killmousky gab es natürlich auch noch andere Bücher, die besprochen wurden, so ist mein Interesse an Per Leo, den ich schon zu Hause habe, und an Colum McCann, den ich ohnehin lesen wollte, weil ich seit Jahren ein großer Fan bin, nochmal neu entfacht worden. Den Literaturclub vom Mai habe ich nun auch zur Hälfte gesehen – und jetzt ist wieder Schluss. Mal sehen, wenn der Wahn mich das nächste Mal ergreift…

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>