Elizabeth Gaskell – Mr Harrisons Bekenntnisse

gaskellAus gegebenem Anlass (ich lese mich gerade kreuz und quer durch die Klassiker, im Moment vor allem Gaskell) grabe ich hier erstmal eine alte Kritik wieder aus, um euch die Autorin und ihre Erzählungen ein wenig schmackhaft zu machen:

Elizabeth Gaskell war, wie mir das Nachwort im schönen Manesse-Band verriet, eine Zeitgenossin von Jane Austen, Charlotte Bronte und Charles Dickens. Für Dicken´s Wochenzeitschrift hat sie auch Erzählungen geschrieben.

Und an Jane Austen, speziell ihren Roman “Emma”, erinnerte mich auch vor allem die dritte und titelgebende Erzählung in diesem Band, “Mr. Harrisons Bekenntnisse”. Mr. Harrison ist ein junger Arzt, der sich in einem kleinen Städtchen in Nordengland niederlässt. Er soll dort in die Praxis des schon etablierten, älteren Landarztes eintreten. Schon vom ersten Tag an merkt er, dass die Uhren hier auf dem Land deutlich anders ticken als in der Metropole, in der er studierte. Alles, was Rang und Namen hat, hinterlässt schon am ersten Abend besorgte Fragen nach seinem Wohlbefinden nach dieser langen Reise. Und Mr. Morgan, sein Mentor, belehrt ihn am nächsten Morgen immer wieder darüber, wie er hier im Städtchen aufzutreten habe, angefangen von der Garderobe bis hin zu den Höflichkeiten, die Harrison erst übertrieben erscheinen.

Und gerade die Tatsache, dass er es höflich allen recht machen will führt dazu, dass er sich nach einigen Wochen gleich mit drei Frauen mehr oder weniger verlobt findet; ohne allerdings selbst dazu etwas beigetragen zu haben, und vor allem auch, ohne auch nur die geringste Neigung zu einer der ausgewählten Damen zu verspüren.

Es ist der Klatsch und Tratsch, die unerbittliche Neugierde und die Kehrseite der rührenden Anteilnahme, die er hier zu spüren bekommt. Dass sein Studienfreund, der nur einmal kurz zu Besuch war und bei der Gelegenheit nicht versäumte, jeden Jungenstreich Harrisons detailreich einem sensationslüsternen Publikum zu unterbreiten, ihm dann noch einen üblen Streich spielt, verschärft die Lage noch…

Diese Erzählung ist einfach wunderbar. Witzig, bissig, dabei aber nicht bösartig, beschreibt die Elizabeth Gaskell eine Gesellschaftsschicht, in der Klatsch das Elexier des Lebens ist.

Sehr viel ernsthafter ist der Bericht eines jungen Mannes, der sich seiner Cousine Phillies gegenüber dadurch schuldig macht, dass er ihr unbedacht eine Äußerung übermittelt, die sie im späteren Verlauf sehr unglücklich machen wird. Die Liebesgeschichte in dieser Erzählung tritt aber für mich in den Hintergrund. Deutlich interessanter fand ich die Beschreibung der fortschreitenden Technisierung des Landes; der Erzähler selbst arbeitet bei der Eisenbahn, neue Strecken werden erschlossen, sein Vater gehört zu den Menschen, die technische Geräte austüfteln und verbessern, und auch der Prediger, Phillies Vater, interessiert sich lebhaft für alle nur möglichen Neuerungen. “Das haben wir immer so gemacht” stößt also auf Innovation, und dieses Infragestellen des Althergebrachten betrifft nicht zuletzt auch die Wege, die die Liebe beschreitet. Hier sieht sich dann Phillies Vater damit konfrontiert, dass er seine Tochter immer noch als das Kind in der Kittelschürze sieht, nicht die Frau, die aus ihr geworden ist.

Elizabeth Gaskell schreibt sehr bildhaft und lebendig, im Nu ist man als Leser in ihre Welt eingetaucht. Besonders begeistert hat sie mich mit ihrem Humor, der in der Titelgeschichte so besonders zum Tragen kommt. Sie, die Zeitgenossin Jane Austens, ist heute wesentlich unbekannter. Leider! Wer aber wie ich die Romane Jane Austens schon alle gelesen hat, wird sicher froh sein über eine Autorin, die ähnliche Qualitäten noch mit einem ganz eigenen Ton und Thema verbindet.

Die Erzählung “Mr Harrisons Bekenntnisse” ist zusammen mit drei weiteren Geschichten von Elizabeth Gaskell in die BBC-Verfilmung “Cranford” eingegangen.

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