J. M. Coetzee – Schande (Disgrace)

schandeDavid Lurie, Universitätsprofessor, wenige Jahre vor der Pensionierung, hat für sich in seinem beschaulichen Leben alles arrangiert: donnerstags trifft er eine Edel-Prostituierte, ansonsten beschäftigt er sich schon seit einigen Jahren mit einer Arbeit über Byron.

Dann beginnen Kleinigkeiten sein Leben ins Wanken zu bringen: erst trifft er seine Prostituierte beim Spaziergang in der Stadt – und sie lehnt es daraufhin ab, ihn weiterhin als Kunden zu empfangen. Und kurz danach läuft ihm eine seiner Studentinnen über den Weg – ausgerechnet diejenige, in die er sich dieses Semester verliebt hatte. Das er sich in seine Studentinnen verliebte, war nichts ungewöhnliches für ihn; doch mit ihnen auch ein Verhältnis anzufangen, so wie mit dieser, gehörte nicht zu seinen Gepflogenheiten.

Ob auch die Studentin es als Verhältnis – oder doch eher als Bedrängung, Nötigung empfunden hatte, darüber wird David Lurie eines Tages belehrt, als er sich mit der Anklage der Vergewaltigung konfrontiert sieht. Er bräuchte nur Reue zu bekennen, und man würde ihn vielleicht einige Zeit vom Dienst suspendieren, danach aber weiterbeschäftigen wie bisher.

Er weigert sich aber, dieses Spiel mitzuspielen. Er wisse, dass sein Verhalten nicht in Ordnung gewesen wäre, gibt er zu Protokoll – und nimmt die Strafe auf sich.

Nun, beschäftigungslos, besucht er seine Tochter. Diese bewirtschaftet eine Farm – alleine. Wie wehrlos man Gewalt gegenübersteht, stellen sie beide kurz darauf fest….

Ich habe selten ein Buch gelesen, bei dem es mir so sehr unter den Nägeln gebrannt hat, darüber zu reden.

War es nun Vergewaltigung, dieses Verhältnis der abhängigen, zudem nicht sehr widerstandsfähigen Studentin zu ihrem Professor?

Und wie ist sein Verhalten vor der Untersuchungskommission zu werten – ist das Arroganz – oder das Recht des Menschen, seine Beweggründe nicht der Öffentlichkeit darbieten zu wollen, auch um den Preis der wohlgefügten Existenz?

Ich neige eher zu letzterer Ansicht. An dieser Stelle hat mir der – ansonsten nicht unbedingt sympathieheischende – David Lurie einiges an Respekt abgenötigt.

Weiteres kommt in diesem Buch ein Aspekt der Lage in Südafrika ans Licht: die Schwarzen, früher ständig unterdrückt, teilen nun selber auf, wie es ihnen Recht erscheint.

Und hochinteressant ist der Umgang von Vater und Tochter mit dem gewaltsamen Übergriff: während er auf Recht und Gerechtigkeit drängt, akzeptiert sie es als Sühne für das Verhalten der Weißen.

J.M. Coetzee ist bislang der erste Autor, dem zweimal der Booker-Prize verliehen wurde. Für “Schande” hat er ihn in meinen Augen eindeutig verdient. Ein wichtiges Buch.

Ein Gedanke zu “J. M. Coetzee – Schande (Disgrace)

  1. Dies war auch einer der ersten Romane, die ich von dem Literaturnobelpreisträger gelesen habe – wie du schreibst: er wirft viele Fragen auf. Vor allem wird das Miteinander der Bevölkerung nach Beendigung der Apartheid sehr gut literarisch thematisiert, auch die Verunsicherung der weißen Bevölkerung. Ebenso gelungen sind dazu die Romane von Nadine Gordimer, z.B. Burgers Tochter oder die Hauswaffe.

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