Khaled Hosseini – Drachenläufer (The Kite Runner)

drachenlaeuferWenn es einen Menschen gab, von dem Amir sich bedingungslos geliebt wusste, dann von Hassan, seinem Freund und Milchbruder, der wie er mutterlos aufwuchs. Unzählige Stunden verbrachten sie gemeinsam, durch die Gärten ziehend, Abenteuer erlebend oder zumindest beschwörend, vereint in den Geschichten, die sie liebten. Wenn Amir von den sadistischen Jungen der Straße gehänselt und gequält wurde, stand Hassan für den Furchtsameren ein – für dich, tausendmal, sagte er dann auch an dem Nachmittag, als Amir hoffte, die Liebe und Aufmerksamkeit seines Vaters durch einen Sieg beim Drachenwettkampf zu erzielen.

Den Sieg hatte er dann tatsächlich davongetragen, die erhoffte Anerkennung des Vaters ließ nicht auf sich warten, und doch konnte Amir sich nicht wirklich daran freuen. Denn an diesem Nachmittag hatte er seine Freundschaft zu Hassan verraten, hatte gesehen, was diesem angetan wurde – und war weggelaufen, ohne ihm zu helfen.

Amir erträgt es nicht mehr, Hassan täglich ins Auge sehen zu müssen – ein weiteres Mal verrät er ihn, sorgt dafür, dass er mit seinem Vater das Haus verlässt, und belastet sein Gewissen dadurch noch mehr.

Das geschah in friedlichen Zeiten in Kabul; wenige Jahre später flieht Amir mit seinem Vater außer Landes, fängt mit ihm in Amerika ein neues Leben an. Da erreicht ihn eines Tages ein Anruf von einem alten Freund seines Vaters, der Hilfe braucht – nicht nur für sich…

Es gibt Bücher, die es schaffen, den Leser schon nach wenigen Seiten in ihren Bann zu schlagen – “Drachenläufer” gehört dazu. Es gab für mich gleich zwei Gründe, die mir diesen Roman so wertvoll gemacht haben: den Verrat einer Freundschaft und die Konsequenzen daraus und den Hintergrund Afghanistan in den 70ern und 2001.

Der Autor hat es hier sehr einfühlsam geschafft, das Wesen dieser ungleichen Freundschaft festzuhalten, die Grausamkeit, die ihr auch inne wohnt; dass Hassan aus seiner benachteiligten sozialen Stellung heraus das Wesen dieser Freundschaft ganz stark auch als Treue zur “Herrschaft” versteht macht den Verrat des Anderen nur noch schwerwiegender. Doch ohne diesen Konflikt wäre die persönliche Entwicklung nur halb so interessant; der Held hat seine Prüfungen zu durchlaufen, er hat zu straucheln um schlussendlich ein Stück weiter zu kommen. Interessant ist das “wie” – und das hat Hosseini für mich sehr mitreißend geschildert.

Und ganz nebenbei entsteht auch ein Bild, oder besser eine Facette von Kabul in den 70ern, noch bevor der Krieg mit Russland losbrach; man liest von den ethnischen Randgruppen, vom Aufkommen religiöser Fanatiker, genauso wie vom brennenden Interesse an Jeans und Fernsehern. Die Rückkehr in ein von den Taliban beherrschtes Land wird im Vergleich dazu nur noch bedrückender.

Hosseini ist, wie sein Protagonist, nach Amerika ausgewandert und lebt jetzt dort. Vielleicht schafft er es aus diesem Grund so gut, für uns die Unterschiede zur eigenen Kultur greifbar werden zu lassen, ohne sie erst aufgesetzt zu beschreiben.

Die Anfangsjahre in Amerika, das Werben um seine Frau, all das hat hier bislang keine Erwähnung gefunden, nimmt aber im Buch einen nicht unwesentlichen Part ein – auch hier zeigt sich das Talent, Unterschiede unaufdringlich bloßzulegen.

Ganz ohne Kitsch und Klischees kommt auch dieses Buch nicht aus. Es ist auch sprachlich nicht immer brillant. Und doch: für mich ist es das beste Buch des Jahres 2003, das Buch, das mich sowohl inhaltlich als auch formal am tiefsten angesprochen hat, das mich noch lange nach der Lektüre beschäftigt hat – kurz, ein besonderes Buch.

Ein Gedanke zu “Khaled Hosseini – Drachenläufer (The Kite Runner)

  1. Gerade lese ich den Traumsammler. Herr Scheck findet es sehr überflüssig. Mir gefällt es ganz gut. Besonders die Erzählweise: jedes Kapitel ist aus der Sicht eines anderen Protagonisten geschrieben. So bekommt das Buch eine ganz besondere Dynamik.

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