Tobias Wolff – Alte Schule (Old School)

wolffalteschuleDas Internat gilt als eines der Besten an der Ostküste. Als besondere Auszeichnung wird dreimal jährlich ein Schriftsteller eingeladen, an der Schule zu lesen – und dem Verfasser der besten literarischen Arbeit eine Privataudienz zu gewähren.
Der sich daraus entspinnende Wettstreit wird zwar hart, aber immer im Rahmen der Schultugenden ausgetragen – bis bekannt wird, das Hemingway kommen soll. Dieser Autor, Held und Vorbild der Jungen, schafft durch seine bloße Ankündigung, dass die moralischen Grundwerte der Schule zutiefst erschüttert werden.

Das Setting: ein Internat, eine Privatschule, entsprechend auch hauptsächlich besucht von Söhnen wohlhabender Eltern, die sich aber immer stärker auch für Stipendiaten öffnet. Auch wenn die Herkunft an sich keine Rolle spielt, wird sie doch durch kleine Merkmale spürbar, durch die Sicherheit, die einige Jungen gerade auch aufgrund ihrer Klassenzugehörigkeit mitbringen.

Was sie aber auch antreibt, ist die Leidenschaft für Literatur, sie wird hitzig diskutiert, und kaum ein Schüler ist dabei, der nicht selbst versucht zu schreiben. Und als dann der Preis winkt, Hemingway für eine Stunde ganz alleine sprechen zu dürfen, kochen die Gemüter natürlich über…

Ich habe dieses Buch mit sehr viel Ruhe und Muße gelesen, immer wieder Pausen gemacht, um es auf mich wirken zu lassen, habe die Entwicklung, die der Protagonist während dieser Romanhandlung durchmacht, mit sehr viel Empathie verfolgt.

Als zum Beispiel die Schriftstellerin eingeladen wird, und er ihren Roman zuvor liest und für sich erkennt: man muss heroisch sein, stark, darf sich nicht beugen lassen von der Gesellschaft, und er für sich auch ableitet, was er im Umgang mit Frauen falsch macht, die trotz ihrer ablehnenden Haltung eigentlich genommen werden wollen, hatte mich ein unangenehmes Gefühl beschlichen, das sich noch deutlich verstärkt hatte, als die Autorin dann zu Gast an der Schule ist und ihren Vortrag hält, ihre Heroen verteidigt, der Mittelmäßigkeit donnernd den Kampf ansagt und dabei die Menschlichkeit aus den Augen verliert. Erst ihr Angriff auf Hemingway und die darauffolgende Erschütterung des Ich-Erzählers, der daraus für sich lernt, was der Unterschied zwischen den beiden Schriftstellern ist, hat mir dann gezeigt, dass der Autor hier nicht versucht, nachdrücklich für eine Art von Heldentum zu plädieren, mit der ich mich nicht identifizieren kann, sondern eigentlich die Humanität in den Vordergrund stellt.

Was er den Dichter Frost im ersten Teil über die Form sagen lässt, in der er seine Gedichte verfasst, die mit ihren Reimen geradezu altmodisch wirken, nicht modern sind, kann man auch für diesen in sehr klassischer Manier erzählten Roman gelten lassen.

Das ganze Buch ist sehr duchkomponiert, die Themen werden aus unterschiedlichen Positionen immer wieder aufgegriffen, es wird viel über Lesen und Schreiben reflektiert – und über eine innere Aufrichtigkeit, die nicht unbedingt mit gnadenloser Ehrlichkeit einhergehen muss.

Mich hat es sehr beeindruckt, ich habe es mit Begeisterung und vielen kleinen Denkpausen gelesen – und kann es gleich als nächsten Titel in meine TOP-2005-Liste aufnehmen.

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