Per Petterson – Pferde stehlen (Ut og staele hester)

pferdestehlenIm Dorf fängt man langsam an, ihn zu akzeptieren, ihn nicht wie die anderen Großstädter zu betrachten, die den Sommer über die Holzhäuser im Wald bevölkern; aber obwohl auch Trond den Großteil seines Lebens in Oslo verbracht hat, hat er sich nun, mit 67 Jahren und nach dem schmerzlichen Verlust seiner Frau und seiner Schwester, hierher zurückgezogen.

Arbeit gibt es hier für ihn genug; das Haus ist in schlechtem Zustand, und er selbst eigentlich nicht unbedingt handwerklich begabt. Aber es hilft, sich in solchen Situationen seinen Vater vorzustellen, der mit den Händen immer schon sehr geschickt war.

Vielleicht ist es diese Nähe zum Vater, die er dadurch verspürt, die ihn in der letzten Zeit häufig von ihm träumen lässt; vom Vater und von jenem letzten Sommer, den sie gemeinsam verbrachten, drei Jahre nach dem Krieg, in einem ganz ähnlichen abgeschiedenen Ort an einem Fluss an der Grenze zu Schweden.

Fünfzehn war Trond damals, und Jon sein bester Freund. Mit ihm geht er fischen, unternimmt gefährliche Fahrten auf den Baumstämmen, die flussabwärts nach Schweden treiben, und eines Morgens kommt Jon auf die Idee, sie sollten Pferde stehlen. Etwas ist anders an diesem Morgen; doch erst Tronds Vater erzählt ihm danach, was am Tag davor bei Jon geschehen war.

Doch dieser tragische Unfall ist erst der Auftakt für die großen Umbrüche, die in Tronds Leben in diesem Sommer stattfinden; es ist der Sommer des Erwachsenwerdens, der ersten Liebessehnsucht, und ein Sommer, in dem er lernen muss, dass sein Vater hier an diesem Ort eine Vergangenheit hat…

Es fällt mir schwer in Worte zu fassen, was dieses Buch so besonders für mich macht. Die Erzählung eines nicht mehr jungen Mannes, der an der nachlassenden körperlichen Kraft sein Alter spürt und sich nun an seine Jugend zurückerinnert ist perfekt komponiert. Der Wechsel zwischen den verschiedenen Zeitebenen, dazu das Aufrechterhalten einer Grundspannung, obwohl die meisten großen Entscheidungen schon sehr früh zu ahnen sind, haben mir schon vom rein handwerklichen Aspekt Bewunderung abverlangt (und das ohne dass vom Handwerk viel zu merken gewesen wäre, im Gegenteil, alles erscheint mühelos und fließend).

Aber wirklich begeistert hat mich die Art, wie Petterson auf ganz ruhige, unspektakuläre Weise erzählen kann, wie man, wenn er beschreibt, wie ein Wald abgeholzt wird, mit den Arbeitern bald im gleichen Takt zu sein meint, wie man den harzigen Geruch zu riechen meint, die Sonne auf der Haut spürt und vor allem auch von dieser tiefen Befriedigung erfüllt wird, in die einen gut gemachte körperliche Arbeit versetzen kann.

Frauen kommen in diesem Roman zwar vor, sind auch von Bedeutung, aber dennoch ist es ein Buch, das ganz stark von einer Männerwelt dominiert wird (und vermutlich trotzdem hauptsächlich Frauen ansprechen wird). Es geht um ein Vater-Sohn-Verhältnis, um Freundschaft, Schuld, ums Altwerden und um Würde; und nicht zuletzt spielt auch der norwegische Widerstand gegen die deutsche Besatzung im 2. Weltkrieg eine nicht unerhebliche Rolle. Und so ganz nebenbei enthält der Roman eine sehr zarte Liebesgeschichte.

Erst vor wenigen Tagen habe ich eine ganz andere Geschichte übers Altwerden gelesen, “Am Seil” von Thomas Lang. Aber im Gegensatz zum pessimistischen, lebensfeindlichen Bild bei Lang wird hier in “Pferde stehlen” eine aktive Akzeptanz vermittelt, die mich wesentlich stärker zum Nachdenken angeregt hat.

Ich jedenfalls bin von diesem ruhigen Roman begeistert; es ist einer dieser seltenen Glücksgriffe, in denen ein guter Erzähler, eine tiefgründige Geschichte und eine schöne Sprache zusammentreffen.

Ich kann euch dieses Buch wirklich nur wärmstens ans Herz legen!

Ein Gedanke zu “Per Petterson – Pferde stehlen (Ut og staele hester)

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