Donnerleser über Agota Kristof – Das große Heft (Le grand cahier)

leserunde_kristofNach meinem ureigenen Eindruck nun meine Wahrnehmung unserer Diskussion.

In großer Runde haben wir uns am Donnerstag abend getroffen, um über diesen Roman von Agota Kristof zu sprechen. Etwa die Hälfte der Runde war auch im Kino um die Verfilmung zu sehen und die filmische Umsetzung mit der Romanvorlage vergleichen zu können.

Was gleich zu Beginn auffiel war, dass durchaus unterschiedliche Assoziationen zur zeitlichen und geographischen Verortung des Geschehens vorhanden waren. Während die einen es ganz klar in Ungarn, in der Zeit des zweiten Weltkriegs und danach, also etwa den Zeitraum von 43 – 49 ansiedelten, gab es auch (zumindest während der ersten 50 Seiten) die Verbindung zum besetzten Frankreich. Ob es sich bei den Besatzern um Nazis gehandelt hatte, darüber herrschte nicht sofort Einigkeit. Im Film wurde diese Lesart ebenfalls gewählt. Wir waren uns jedoch alle einig, dass diese Details auch nicht wesentlich für den Roman wären, da es doch eine abstrakte Dartsellung von Krieg und Gewalt ginge.

Der Text hat allerdings nicht für alle funktioniert. Die exzessive Darstellung von Gewalt hatte durchaus auch abstumpfende Wirkung (nicht nur auf die Protagonisten, auch auf die Leser). Auch die Tatsache, dass die geschilderten Erlebnisse der Jungen in vieler Hinsicht psychologisch nicht als stimmig empfunden wurden, hat uns eine Weile beschäftigt, zumal sich die Lesarten dabei durchaus sehr stark unterschieden.

Stark hervorgehoben wurde, dass die Moralvorstellungen, die die Zwillinge entwickelten, ein Beispiel für das faschistoide Prinzip darstellten.

Auch die Frage, ob es nun tatäschlich Zwillinge waren, oder ob es sich doch um eine Person handelte, um eine Folge des Traumas und daraus resultierende Persönlichkeitsspaltung, wurde in Erwägung gezogen, wobei wir auch feststellten, dass aus dem vorliegenden Buch eigentlich wenig Hinweise darauf enthalten sind, dass es nur eine Person sein könnte, die Vermutungen durch das, was jeder von uns irgendwo über den Roman gelesen hatte, gesteuert wurden.

Der Schluss hat uns alle ratlos zurückgelassen. Warum der Vater geopfert wurde, war einigen aufgrund dessen früheren Verhalten noch in irgendeiner Weise schlüssig (wenn auch die Härte sehr überraschend kam, nachdem die Zwillinge und die Großmutter davor ja schon beinahe weich erschienen). Was sich jedoch nicht endgültig erschloss war, warum letztlich nur einer der Zwillinge zur Flucht entschlossen war, während der Zweite im besetzten Land zurückblieb. Die Trennung an sich konnte noch als eine letzte Übung angesehen werden.

Wir haben auch angesprochen, dass im Netz erstaunlicherweise keine negative Kritik zu diesem Buch zu finden ist und haben Vermutungen darüber angestellt, woran das liegen könnte. Denn so homogen fiel unser Urteil in der Gruppe nicht aus.

Aber in einem Punkt waren wir uns glaube ich alle einig: es ist ein Buch, das eine großartige Diskussionsgrundlage bietet. Auch wenn die Diskussionen dazu dann durchaus unterschiedlich ausfallen können, denn dasselbe Buch wurde vor kurzem auch in einer anderen Gruppe mit recht unterschiedlichem Schwerpunkt besprochen.

Unser nächstes Buch steht unter dem Zeichen “Klassiker”. Einmal jährlich dürfen nur Bücher vorgeschlagen werden, die vor 1914 erschienen sind. Die Wahl fiel diesmal auf Italo Svevo mit “Senilità”.

 

 

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