Gaito Gasdanow – Das Phantom des Alexander Wolf (Prizrak Aleksandra Volfa)

gasdanowEigentlich ziehe ich es ja vor, ein Lesegruppenbuch hier schon vorzustellen, bevor wir unser Treffen abhalten. Aber das habe ich zeitlich nicht geschafft – und unser sehr schönes Treffen am Montag hat durchaus dazu beigetragen, meine Meinung zu diesem Buch ein wenig zu verändern.

Aber nun von vorne – worum geht es?

Der Einstieg in diesen Roman ist grandios. Ein 16jähriger erschießt in den Wirren des Bürgerkrieges einen Mann. Das Ereignis prägt ihn; obwohl die Tat als Notwehr gelten konnte, blieb der Anblick der verlöschenden Augen im Gesicht des Mannes für ihn immer präsent.

Sein weiterer Weg führt in nach Paris. Er schlägt sich durch, er kennt jede Spelunke, jedes Milieu in der Stadt. Wenn der Leser ihm wiederbegegnet, arbeitet er als Gelegenheitsjournalist.

Eines Tages liest er in einem Erzählband eine Geschichte, die ihn verstört. Sie handelt von einem jungen Mann, der in der russischen Steppe einem Reiter auf einem schwarzen Pferd folgt, das Pferd erschießt – und kurz darauf von diesem Reiter angeschossen wird. Der Tod scheint ihm gewiss…. und unser Erzähler fröstelt, denn er ist sich sicher: Das ist der Mann, auf den er einst geschossen hatte…

Er macht sich auf die Suche nach dem Verfasser der Erzählung, einem gewissen Alexander Wolf. Doch auch eine Reise zu dessen Londoner Verleger bringt ihn nicht weiter auf seiner Suche. Ein Zufall hingegen bringt ihn weiter, die Begegnung mit einem anderen Exilrussen in einem Pariser Lokal. Dieser hat Wolfs Buch neben sich liegen, und erzählt von diesem Mann, der dem Tod noch einmal von der Schippe sprang.

Im Leben des Erzählers geraten dann andere Dinge in den Vordergrund. Er lernt eine Frau kennen, in die er sich verliebt, eine eigenwillige, geheimnisvolle Schönheit, die den Reiz des Gefährlichen im Übermaß sucht. Was sie aus ihrer Vergangenheit erzählt, schließt in gewisser Weise manchen Kreis…

Der Einstieg in dieses Buch war großartig. Toll aufgebaute Spannung, eine moralischer Konflikt, der mich interessierte, und das alles erzählt in einem Tonfall, der irgendwie eher zum ausgehenden 19. Jahrhundert zu passen schien als in die Zeit kurz vor dem 2. Weltkrieg. Aber dann verlor sich dieser Zauber irgendwie… trotz der Kürze des Buches hatte ich das Gefühl, Ewigkeiten daran zu lesen, eine gewisse Müdigkeit stellte sich ein. Dazu kamen einige sprachliche Ausrutscher wie “seelische Syphillis im Gesicht”, die meine Freude auch nicht gerade erhöhten.

Und ganz gegen Ende kommt noch eine Passage, die so unvermittelt dasteht, und dabei so wenig zum Rest zu gehören scheint, dass nicht nur ich mich gefragt habe, wozu sie eigentlich da sein sollte. (Mehr dazu ist im LESELUST-Forum nachzulesen, wo das Buch schon von anderen Lesern diskutiert wurde.)

In unserer Diskussionsrunde wurde die Theorie in den Raum gestellt, dass es sich bei diesem Buch um ein Aufzeigen von zwei entgegengesetzten Seiten eines schweren Kriegstraumas handle. Überzeugend wurde dargelegt, dass sowohl die nihilistische Verweigerung und fast schon Todessehnsucht des Alexander Wolf das entgegengesetzte Ende des nach außen hin gut funktionierenden Erzählers, der aber in den Schatten des Erlebten im Inneren immer mit sich trägt.

Wir haben lange darüber diskutiert, ob der Roman nun eigentlich ein Roman oder eher ein Fragment, bzw. eine Erzählung wäre.

Auch über die Biographie des Autors wurde gesprochen, andere russische (Exil)Autoren wurden als Vergleich herangezogen; anstelle des im Nachwort und den meisten Kritiken vorgebrachten Vergleichs des Autors mit Nabokov kam bei uns aber Tschechow zur Sprache, in dessen Werken die alles überlagernde Langeweile und der Überdruss, der uns auch in Gestalt des Alexander Wolf begegnen, eine große Rolle spielen.

Die Frage kam auf, dass uns außer “Doktor Schiwago” eigentlich kein belletristisches Werk einfiel, das den Bürgerkrieg aus weißgardistischer Perspektive schildert.

Es war ein gelungener Abend mit einer sehr angeregten Diskussion, wir haben noch viele weitere Aspekte angesprochen – ein Buch, das ich also für Lesekreise auf alle Fälle weiterempfehlen kann.

Ach so, und ich wurde noch mehr oder weniger gezwungen auch zu schreiben, dass meine etwas zögerlichere Haltung sicher nur darin begründet liegt, dass es sich bei Gaitanow nun mal nicht um einen Österreicher handelt ;-)

Bei unserem nächsten Treffen kurz vor Weihnachten werden wir uns den “Tricks” von Alice Munro widmen.

 

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