Agota Kristof – Das große Heft (Le grand cahier)

kristof-heftDieser Roman wird heute von meinem Donnerstagslesekreis besprochen – und ich bin schon sehr gespannt auf die Diskussion! Und auch darauf, wie meine eigene Meinung dadurch weiter beeinflusst wird, mein Blickwinkel erweitert.

“Das große Heft” ist das Hauptwerk der ungarischstämmigen Autorin Agota Kristof. Es handelt von Zwillingsbrüdern, die neunjährig von ihrer Mutter zur Großmutter aufs Land gebracht werden, in eine Grenzstadt (das letzte Haus vor dem Grenzposten). Mutter und Tochter hatten schon jahrelang nicht mehr miteinander gesprochen, es gab böses Blut zwischen beiden – und doch bat die Tochter, die Enkelkinder mögen hier bei der Großmutter vor dem Mangel in der großen Stadt bewahrt werden.

Sie macht es ihnen nicht leicht, die Großmutter. Sie bietet ihnen nichts zu Essen an, keine warme Schlafstatt. Sie gilt ihrer Umgebung als Hexe, als Frau, die ihren eigenen Mann getötet haben soll. Ihr Leben besteht aus Arbeit, aus schwerer Arbeit – und nach einer Woche greifen die Zwillinge mit an. Nicht aus Hilfsbereitschaft, sondern aus einer moralischen Überlegung heraus.

Da ein Schulbesuch in diesen Zeiten nicht möglich ist, organisieren sie sich Stifte und Papier, (besagtes großes Heft) und stellen sich selbst Aufgaben. In das Heft kommt nur, was wahrhaftig ist, Vermutungen, Gefühle haben dort keinen Platz. Liebe ist ein zu ungenaues Gefühl..

Die Brüder härten sich auch in anderer Weise ab. Sie hungern, verharren in Bewegungslosigkeit, schlagen sich – sie wollen gewappnet sein gegen die Grausamkeiten, die die Umgebung ihnen als allgegenwärtig aufzeigt.

Und sie entwickeln ihre ganz eigenen Moralvorstellungen. Sie helfen einem Mädchen mit Hasenscharte, das von einigen Jungen bedrängt wird – aber erst, nachdem sie eine ganze Weile zugesehen hatten, wie Hasenscharte gequält wurde. Sie erpressen den Pfarrer, um Hasenscharte zu unterstützen. Sie sorgen dafür, dass die Magd, von der sie liebevoll umsorgt und unterstützt wurden, für immer entstellt sein wird, nachdem sie Zeuge wurden, wie diese andere Menschen gequält hatte.

Vater, Mutter? Diese Verbindungen bedeuten ihnen nichts. Nicht mehr? Denn zu Beginn, da ist eine der schwersten Übungen, sich gegen die erinnerten Zärtlichkeiten abzuhärten.

Wenn man im Netz liest, findet man überall nur Kommentare wie “großartig” und “hervorragend”, um dieses Buch zu beschreiben. Unbedingte Empfehlungen werden ausgesprochen.

Ich muss sagen, ich fühle mich ähnlich zweigeteilt wie es auch die Zwillinge im Buch selbst sind. Es klingt vielleicht seltsam, wenn eine Krimileserin wie ich sagt, dass dieser Roman viel zu brutal war. Ich konnte mich mit den geschilderten Grausamkeiten und vor allem auch dieser Häufigkeit dann irgendwann nicht mehr auseinandersetzen; so, wie die Zwillinge sich abhärten, so war auch in mir der empfindsame Leseranteil nach einer Weile wie abgestorben. Ich habe nicht etwas die Brutalität nicht mehr an mich herangelassen, ich war aufgrund der Häufigkeit der Schilderung eher abgestumpft. Das alles empfand ich gleichzeitig aber auch als eine Wirkung, die sehr stark von der Art des Erzählens beeinflusst wird und also als durchaus sehr gewollte Reaktion meinerseits. Erzählt wird hier in einer ganz kargen, emotionslosen Sprache, Emotionen kommen nicht vor. Kurze, knappe Sätze, keine Wertung im Geschilderten – eigentlich macht Agota Kristof einem das Lesen leicht. Man braucht sich nicht durch komplexe Satzstrukturen arbeiten – aber das Lesen zwischen den Zeilen, das erspart sie einem nicht.

Wirklich gestört hat mich vor allem eine Szene: als Hasenscharte den Hund heranlockt, um sich von ihm sexuell befriedigen zu lassen. Diese Szene, vor allem auch im geschilderten Kontext, empfand ich als extrem abstoßend.

 “Das große Heft” zeigt die Ambivalenz, die mit moralischen Grundfragen einhergeht. Sind die Zwillinge unschuldige Wesen, die nur Opfer ihrer brutalen Umgebung sind? Sind sie berechnende kleine Monster, die zwar durchaus Gutes tun, aber nicht immer aus den “richtigen” Beweggründen? Gibt es eine Entwicklung innerhalb dieser Schilderung?

Es ist zweifellos ein Buch, das zum Nachdenken anregt. Man liest es auch trotz der Thematik “leicht”. Aber mit Vergnügen? Nicht unbedingt. Ich muss ehrlich sagen, dass ich von “Die Analphabetin” derselben Autorin deutlich mehr beeindruckt war.

Ich bin gespannt auf den heutigen Abend.

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