Philip Roth – Jedermann (Everyman)

rothjedermann“Das Alter ist kein Kampf, das Alter ist ein Massaker” lässt Philip Roth seinen “Jedermann” mitten im Buch sagen, als er sich schon diversen Operationen unterzogen hatte, deren jede detailliert geschildert wird, angefangen von einer Leistenbruchoperation im Kindesalter bis hin zu diversen Herzoperationen.

Der Roman beginnt mit dem Begräbnis dieses Jedermanns; seine drei Kinder sind da, die zwei Söhne aus 1. Ehe, die Tochter aus 2. Ehe, gemeinsam mit seiner 2. Ehefrau; sein Bruder ist da, und auch die Krankenschwester, mit der er nach seiner ersten Herzoperation eine wunderbare Affäre hatte.

Am Anfang dieses Romans steht die Krankheitsgeschichte im Vordergrund; anhand der diversen Krankenhausaufenthalte werden lange Episoden aus dem Leben erzählt, davon, wie er als kleiner Junge die Diamanten in der Manteltasche nach Newark fuhr; wie seine dritte und letzte Ehefrau sich als wahrer Schrecken erwies, als er nach seiner schwierigen ersten Herzoperation eigentlich auf Hilfe angewiesen war, oder wie er beinahe, wie auch schon sein Vater, an einer Bauchfellentzündung gestorben wäre.

Das überwiegt im ersten Drittel des Romans; seine ganz große Stärke entfaltet er dann aber im restlichen Text, wenn die Lebensumstände genauer beleuchtet werden. Es ist unglaublich, wie genau Philip Roth hinsehen kann, wie schonungslos und dabei zärtlich er von den Beziehungen dieses Mannes schreibt, davon, wie unglücklich er in seiner ersten Ehe war, wie gut dagegen seine zweite Frau, Phoebe, zu ihm passte, wie die Leidenschaft aus dieser Ehe verschwindet und er die Ehe mit dummen Affären zerstört.

Der körperliche Verfall eines Menschen, der sich gesund ernährt, nicht im Übermaß lebt, regelmäßig Sport treibt und gerade im Vergleich mit dem älteren aber gesunden Bruder deshalb anfängt, mit seinem Schicksal zu hadern, ist auf beeindruckende Weise kombiniert mit dem emotionalen Verfall, der damit einhergeht. Die fortschreitende Einsamkeit, die Kluft zwischen dem gefühlten Alter und den realistischen Möglichkeiten, die sich ihm noch bieten, werden immer stärker.

Es ist ein Buch, das mich ungeheuer beeindruckt hat, ein Roman, mit dem Roth für mich nahtlos an den “Menschlichen Makel” anknüpft, nachdem mir die Bücher dazwischen ja nicht so gefallen hatten.

Die Dichte, die in diesen wenigen Seiten steckt, macht das Buch für mich zu einem Besonderen – und ich bin froh und glücklich, nun doch noch ein Top 2006-Buch gelesen zu haben ;-)

Aber nun zu den Ausgaben, die ich vorliegen hatte:
Ich habe das Buch ziemlich parallel gelesen (auf Englisch) und gehört (auf Deutsch). Passagenweise gleichzeitig gehört und gelesen, dann wieder erst gelesen, dann denselben Abschnitt noch gehört oder umgekehrt. Es war für mich eine optimale Kombination: mir wurden manche Nuancen, die ich im Englischen vielleicht nicht sofort erfasst hätte, schnell bewusst, und ich konnte mich an der Originalsprache erfreuen. Wobei ich die Übersetzung dann zwischendurch nicht immer als sehr glücklich empfand, weil Aussagen, die Roth in der Schwebe lässt, ohne Grund konkretisiert werden (so zumindest habe ich es empfunden). Daher empfehle ich jedem, der kann, das Buch auf Englisch zu lesen!

2 Gedanken zu “Philip Roth – Jedermann (Everyman)

  1. Danke, Daniela für die Erinnerung an diesem Buch, wieder mal eines – wie so viele aus deiner Reihe der “besonderen” Bücher – das zu meinen Lieblingen gehören und das ich demnächst mal wieder lesen könnte.

    Und ja, dieses Buch, zusammen mit “Mein Leben als Sohn” und “Der menschliche Makel” haben mir am meisten von Philip Roth gefallen, obwohl ich eigentlich alles von ihm gemocht habe :-)

    • Tja, immer wieder mittwochs kommen jetzt die ganzen alten “besonderen” Bücher. Die gibt es zwar auch noch im alten Leselust-Format, aber sie sind zu gut, um sie dort in Vergessenheit geraten zu lassen ;-)
      Ansonsten geht es mir wie dir, auch was Lieblings-Roth-Bücher angeht …
      Irgendwann, wenn ich alt bin, werde ich die vielen Bücher von ihm, die ich noch nicht kenne, bestimmt auch noch lesen.

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