Louis Begley – Erinnerungen an eine Ehe (Memories of a Marriage)

begleyWie ein Buch auf mich wirkt, hängt natürlich immer auch von den Begleitumständen ab. Von meiner Laune, der Zeit, die ich zur Verfügung habe, ein wenig auch vom Wetter…. und ich bin sicher, so geht es nicht nur mir.

Als ich zu den “Erinnerungen an eine Ehe” griff, hatte ich gerade davor fast ausschließlich deutsche Gegenwartsliteratur gelesen. Es war mir also eine willkommene Abwechslung – und ich war schon auf den ersten Seiten von Begleys Erzählweise gefesselt.

Die längste Zeit über hatte ich mich gescheut, mir und anderen zu gestehen, dass ich glücklich war. Mit diesem Geständnis hätte ich, dessen war ich mir sicher, die Götter herausgefordert, dort zuzuschlagen, wo ich am verletzlichsten war. Nicht mich zu treffen, sondern Bella oder unsere kleine Agnes. Doch die Strafe hatte mich schon ereilt, in vollem Ausmaß, und das Wenige, das von mir übrig war, war nicht mehr verwundbar.

Dabei konnte mich die Rahmenhandlung des Romans schon im Klappentext nicht überzeugen, das hat sich auch nach abgeschlossener Lektüre nicht geändert. Doch das tut meiner ehrlichen Freude über dieses Buch keinen Abbruch. Bei Begely kommt es mir nicht so sehr darauf an, was er auf der Handlungsebene erzählt. Seine Romane bestechen durch ihre genaue Beobachtung der Gesellschaft und ihrer Regeln.

Worum es geht ist rasch erzählt. Der Ich-Erzähler des Romans, Philip, ist selbst Autor, verwitwet, lebt nun wieder in New York. Und hier trifft er eine Bekannte aus seinen jüngeren Jahren wieder; Lucy. Reich, schön, klug, so hatte er sie in Paris kennen gelernt. Lebenslustig wie sie war, kam auch er für kurze Zeit in den Genuss ihrer überschäumenden Lebensfreude. Und dort war es auch, dass er Lucys späteren Mann in ihrer Begleitung traf, Thomas.

Thomas, ein vielversprechender junger Mann, hochtalentiert, aber aus dem falschen Elternhaus. Er kam nicht aus der oberen Gesellschaftsklasse, seine Eltern betrieben die Werkstatt, in der die zukünftigen Schwiegereltern ihr Auto warten ließen.

Als nun also Philip Lucy zufällig in New York wieder trifft, ist er erstaunt über die Verwandlung, die sie durchgemacht hat. Von der lebenslustigen Frau ist nichts mehr übrig, Lucy ist gallig und verbittert. Von Thomas, der mittlerweile ebenfalls verstorben ist, war sie schon länger getrennt – und zwar zu einem Zeitpunkt, als der gesellschaftliche und wirtschaftliche Aufschwung kam, von dem sie nun nicht mehr profitieren konnte.

Philip geht auf Spurensuche. Immer wieder trifft er sich mit Lucy, um ihre Geschichte zu hören – aber auch mit Thomas´ zweiter Frau und gemeinsamen Freunden. Und diese Reise in die Vergangenheit ist es, die uns Lesern einen Einblick in die Zwänge der besseren Gesellschaft erlauben. Thomas ist brilliant, er hat das Wissen, das Aussehen – aber der Schliff fehlt ihm. Er eignet sich rasch an, was er wissen muss, und verrät sich doch in Kleinigkeiten – die allerdings vor allem Lucy treffen, da er ihr gegenüber diese Rücksicht nicht walten lässt. Doch das ist es nicht allein, was diese Ehe zum Scheitern verurteilt. Der sexuelle Appetit der Beiden ist sehr unterschiedlich ausgeprägt, um einen elementaren Punkt ganz direkt anzusprechen.

Lucys Depression, die gesellschaftliche Isolation, in die sie sich durch die Heirat manövriert hatte, die falschen Erwartungen, die in ein Kind gesetzt wurden – Begley beschreibt all dies auf eine Weise, dass man nicht umhin kann, nach einer Verknüpfung zu Begleys eigenem Werdegang zu suchen. Begley weißt Hinweise auf autobiographische Anteile meist zurück, doch es gibt einige Parallelen, die  für mich den Roman nur noch authentischer wirken ließen.

Ich habe die “Erinnerungen” ausgesprochen gerne gelesen!

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