Anna Mitgutsch – Zwei Leben und ein Tag

mitgutschAus den Archiven der LESELUST – Das besondere Buch. Damit diese Bücher im neuen Blog-Format nicht in Vergessenheit geraten, werden sie hier in den nächsten Wochen neu eingestellt. Vielleicht ist ja doch noch die eine oder andere Entdeckung für euch dabei!

Er war ihr erstes Gesprächsthema beim Kennenlernen, und er hat sie auch danach ihr ganzes Eheleben lang begleitet: Herman Melville, der zu Lebzeiten verkannte Autor, über den Edith und Leonard unermüdlich Material sammelten, in der vagen Hoffnung, eines Tages gemeinsam eine Biographie zu verfassen.

Diese Biographie hat dann ein anderer geschrieben; die Ehe ist gescheitert, Edith lebt mittlerweile, nach einem unsteten Leben zwischen Amerika, Südostasien und Osteuropa wieder in dem kleinen Haus ihrer Kindheit, das sie von ihrer Großmutter geerbt hat. Auch Gabriel, der gemeinsame Sohn, lebt noch bei ihr, obwohl er mittlerweile fast dreißig ist. Aber Gabriel ist “etwas eigen”, wie manche Ärzte es nennen; schwachsinnig, behindert, nennen ihn die, die ihn nicht besser kennen. Denn dumm ist Gabriel keineswegs – er ist nur anders, ihn überkommt bei lauten Geräuschen Panik, zu viele Menschen überfordern ihn, und dann fängt er an zu schreien und um sich zu schlagen.

Doch an sich hatte er sich trotz seiner Einschränkungen ein halbwegs akzeptables Leben aufgebaut; mit einem Job in einer Druckerei, ja, es gab sogar ganz zaghafte Beziehungen zu einer jungen Frau.

Edith schreibt nun, da sie sesshaft geworden ist und zwischen ihr und Leonard das Schweigen ausgebrochen ist, lange Briefe an ihn, die sie nie absendet; Briefe, in denen sie ihre Beziehung durchleuchtet, sich selbst noch einmal der glücklichen und tragischen Momente vergewissert, versucht festzustellen, an welchem Punkt das eine oder andere aus dem Ruder lief, vielleicht noch hätte gerettet werden können.

Gabriels Besonderheit war zum Beispiel immer ein Streitpunkt zwischen ihnen; wer trug die Schuld daran? Lag es an de Fieber, das er als Kind in Südostasien bekam, als man Edith im Krankenhaus einfach abwies und sie sich nicht durchsetzen konnte? Wo war Leonard zu der Zeit? Ja, es gab Verletzungen, es gab andere Lieben, andere Begierden; aber immer auch dieses Gefühl der großen Vertrautheit, der geistigen Verwandtschaft.

Und dann ist da noch dieser andere große Fixpunkt in ihrem Leben: Melville. Auch von ihm ist in diesen Briefen ausführlich die Rede, in einer spannenden Erzählung erlebt der Leser mit, wie dieser Autor als Kind den Einbruch der Armut erleben musste, wie er seinen Bildungshunger autodidaktisch stillte, früh zur See fuhr, danach mit einem ersten Roman über seine Südseeabenteuer berühmt wurde – ein rascher Ruhm, der bald verblasst, denn seine späteren, für ihn viel wichtigeren Werke, vor allem sein Moby Dick, werden von der Kritik gnadenlos vernichtet. Diese Nähe zum wahnhaften, zur Qual, die Körper und Geist zerreißt, spiegelt sich auch in manchen Romanfiguren – und findet sich in der Verweigerungshaltung zum Beispiel in Gabriel wieder, dessen Aufbruch aus dem von der mittlerweile verstorbenen Mutter den dritten Handlungsfaden bilden.

Wenn Autoren die Lebensentwürfe ihrer Protagonisten mit berühmten historischen PErsönlichkeiten vermischen ist die Gefahr des Scheiterns groß. In meinen Augen ist Anna Mitgutsch diese Grätsche aber ganz hervorragend gelungen; nicht nur, dass sie auch zuvor nicht sonderlich interessierte Leser wie mich für den Autoren Melville zu verlocken versteht, sie arbeitet auch die Ähnlichkeit mancher Wesenszüge in Werk und Leben so wunderbar und stimmig, dass ich über die Anteilnahme am Inhalt hinaus nicht anders kann, als auch das Können dahinter zu würdigen.

Prinzipiell gehöre ich eher zu den Lesern, die sich vor allem inhaltlich fesseln lassen. Das ist Anna Mitgutsch mit diesem Roman über eine scheiternde Ehe und die Schwierigkeit mit diesem Kind, das den Erwartungen nicht entspricht, ohnehin gelungen. Aber dazu kommt noch, dass mich der bis ins Detail durchkomponierte Aufbau ebenfalls fasziniert hat!

In den Passagen, die von dem einen Tag in Gabriels Leben berichten, die Gelegenheit haben, in den Kopf eines Menschen zu blicken, der die Welt anders begreift als seine Umgebung, dann spürt man auch, weswegen das Wort “Toleranz” plötzlich einen so bitteren Beigeschmack erhält.

Ein ausgesprochen vielschichtiger, komplexer Roman also – für mich ein weiterer Beweis dafür, dass diese Autorin sehr viel mehr Beachtung verdienen würde, als ihr bislang zuteil wurde! Warum zum Beispiel war dieser großartige Roman denn nicht auf der Shortlist für den letzten Literaturpreis, den Preis der Leipziger Buchmesse zu finden?

Wer anspruchsvolle, gut geschriebene (schon die Sprache war in ihrer unaufgeregten Klarheit und Präzision eine wahre Freude) Lektüre sucht, dem lege ich dieses Buch nachdrücklich ans Herz.

2 Gedanken zu “Anna Mitgutsch – Zwei Leben und ein Tag

  1. Ich mag deine Rubrik “Besondere Bücher” und habe mich letztens schon gefreut, Rückkehr nach Missing von Abraham Verghese hier zu finden. Nun auch noch eine meiner Lieblingsautorinnen. Ich mag besonders diesen Roman hier, Zwei Leben und ein Tag, aber auch Familienfest.

    Überhaupt schön, dich hier an dieser Stelle wieder zu lesen, Daniela.

    • Danke, liebe Heidi ;-)
      Leider habe ich in den letzten beiden Jahren ja vergeblich nach einem “besonderen Buch” Ausschau gehalten – vielleicht bin ich einfach zu kritisch geworden? Oder ich habe zu den falschen Büchern gegriffen…
      Und ja, Anna Mitgutsch gehört auch zu meinen ganz besonderen Favoriten. Ich kenne glaub ich alles von ihr… Humor fehlt ihren Büchern zwar, aber bei ihr vermisse ich das auch nicht.
      Liebe Grüße,
      Daniela

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