Amy Waldman – Der amerikanische Architekt (The Submission)

waldmanDie Anschläge auf das World-Trade-Center am 9. September 2001 haben im kollektiven Gedächtnis nicht nur der USA einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Die Ausgangslage des Romans ist also durchaus sehr spannend: der beste Entwurf für einen Gedenkort für die Opfer soll im Rahmen einer öffentlichen Ausschreibung ermittelt werden. Und diese Ausschreibung gewinnt ein Mann mit dem Namen Mohammed Khan…

Ein Skandal. Ein Aufschrei. Eine Ohrfeige für die Opfer. Unfassbar. Das sind die Reaktionen – und die Jury beschließt daher erstmal, die Entscheidung noch geheim zu halten, um weitere Schritte zu überlegen. Wie konnte so etwas nur geschehen? Wie konnte bei der standardmäßigen Überprüfung der Kandidaten auf solche Details nicht geachtet werden?

Mit diesen entrüsteten Fragen beladen beginnt der Roman, der überwiegend aus dem Blickwinkel von Paul (Vorsitzender der Jury), Claire (reiche Witwe, Vertreterin der Opfer in der Jury), Sean (Bruder eines der Feuerwehrmänner, die gestorben sind – wäre auch gerne als Opfervertreter in der Jury gelandet) und natürlich Mohammed Khan.

In den USA bricht ein Sturm der Entrüstung los, als die Entscheidung durch ein Leck schon an die Presse gelangt. Die Emotionen kochen hoch; ist dieser Mohammed Khan ein Fundamentalist? Will er vielleicht einen Paradiesgarten für die Selbstmordattentäter schaffen? Wer ist das überhaupt?

Ein Amerikaner ist er. In den USA geboren, aufgewachsen, nicht religiös. Zumindest nicht, bis er plötzlich merkt, dass er aufgrund seiner Abstammung anders behandelt wird, dass er ausgegrenzt wird, am Flughafen schickaniert wird – und nun eben seines Entwurfs wegen angegriffen wird.

Es ist eine grundlegende rassistische Frage, die in diesem Buch aufgeworfen wird, oder eigentlich auch nicht: denn dass es moralisch falsch sei, jemanden aufgrund seiner Herkunft zu verurteilen, steht eigentlich nicht in Frage. In diesem Roman werden nur die durchaus möglichen Reaktionen auf ein solches Szenario aufgelistet, und leider hatte ich dabei immer auch den Eindruck, dass dabei so ziemlich jedes Klischee bemüht wird, das man sich in diesem Zusammenhang vorstellen kann.

Die Fragen, die mich interessiert hätten, kamen für mich zu kurz: warum Mohammed sich dazu entschlossen hatte, einen Entwurf einzureichen zum Beispiel. Und warum er das ohne seinen besten Freund und Partner gemacht hatte.

Was mir hingegen sehr gut gefallen hat, war die Weigerung dieses Mo Khan, zu Fragen Stellung zu nehmen, die man ihm als “Mark Smith” wohl nicht gestellt hätte, weil sie für das eigentliche Produkt, seinen Entwurf, keine Relevanz hatten.

In die Begeisterungsstürme, die dieser Roman andernorts hervorgerufen hat, kann ich für meinen Teil zwar nicht einstimmen. Ich habe mich gerade zu Beginn sehr schwer mit der Lektüre getan, erst nach und nach konnte ich mich vom Korsett, dass mir durch die Erzählweise aufgedrängt wurde, befreien und mir meine eigenen Gedanken zur Fragestellung machen.

Meine größten Kritikpunkte am Roman sind die sehr schematischen Protagonisten. Jeder, der hier eine Stimme bekam, hatte eine Bevölkerungsgruppe zu repräsentieren, keiner bekam wirklich Tiefe. Und wenn solche Abziehbilder aufeinandertreffen ergibt sich auch kein lebendiges Zusammenspiel, es bleibt eine sehr stark am Reißbrett konstruierte Geschichte. Und das Ende der Geschichte, das ich hier nicht vorwegnehmen möchte, hat mich nun so gar nicht überzeugt!

Was aber bleibt ist die grundsätzliche Frage, die sich aus dem Sachverhalt ergibt. Und diese wird hoffentlich heute abend im Kreis meiner Montagslesegruppe ausführlich diskutiert werden – ich bin gespannt!

5 Gedanken zu “Amy Waldman – Der amerikanische Architekt (The Submission)

  1. Daniela, ich mochte den Roman ja sehr gerne.
    Zu deiner Frage: warum Mohammed sich dazu entschlossen hatte, einen Entwurf einzureichen – ich finde schon, dass im Roman klar wurde, dass Mo Khan sich immer nur als Amerikaner gesehen hat. Zumindest bis zum Zeitpunkt als seine Herkunft thematisiert wurde.
    Hm, jetzt wo ich deine Fragen und deine Meinung zu dieser Geschichte lese, merke ich, dass ich mich gar nicht mehr so genau an alles erinnern kann und auch nicht mehr so genau an meine Eindrücke – ich hätte jetzt wirklich Lust das Buch nochmals zu lesen (und ich sollte endlich auch wieder anfangen Notizen zu meinen gelesenen Büchern zu machen ;-) )

  2. Habe diesen Roman in englisch schon vor Jahren gelesen und alles in bester Erinnerung , ein sehr spannendes Buch , sehr tief gehend , voller unerwartete Wendungen und neuen Twists , die Widersprüche der amerikamnischen Gesellschaft werden eklatant auf gedeckt . Sehr zu empfehlen für Leser die gesellschaftliche und hoch politische Inhalte verstehen wollen und das in einer sehr mitfühlenden und literarisch ansprechenden Form. Schematischen Protagonisten ?Unsinn.

    • Hallo Crimor,
      nun, ich habe es leider etwas anders empfunden. Wir haben das Buch auch in einem Lesekreis besprochen und dort festgestellt, dass es wirklich sehr viele verschiedene Wahrnehmungen gab, ich war mit meiner nicht alleine.
      Aber davon ganz abgesehen: es ist auf alle Fälle ein Roman, der zum Nachdenken und zum Diskutieren anregt!
      LG, Daniela

    • Lieber Crimor,
      ich teile dein Lob für das Buch – auch die Einschätzung von Bruna. Genau wie du habe ich die Protagonisten nicht als schemenhaft empfunden. Es ist so wie du schreibst, Menschen die sich für Politik, politische Hintergründe und für den “american way of life” interessieren ein wichtiges Buch zum Verständnis. Da ich an dem von Daniela zitierten Lesekreis ebenfalls teilgenommen habe und auch dieses Buch vorgeschlagen hatte, kann ich in Ergänzung zu Danielas Ausführung sagen auch einige Montagsleser haben es ebenso wie du empfunden. Und es war ein Buch, was trotz seines Umfangs von allen Anwesenden gelesen wurde. Ich denke Einiges ist einfach Geschmackssache… ich freue mich jedoch das es immerhin auf Danielas tag zum Buch jetzt schon 4 Kommentare gibt. Zeigt doch, dass Buch läßt Einen nicht kalt. Und ich bin gespannt, auf Neues von Amy Waldman …

    • Lieber Crimor,
      ich stimme dir und auch Bruna voll und ganz zu – es ist ein spannendes Buch. Für den politisch interessierten Leser und für den, der ein wenig in das US-amerikanische Denken eindringen oder auch für den, der das gesellschaftliche Leben im “Mutterland der freien Welt”, die gar nicht so frei ist von Fremdenfeindlichkeit, insbes. Islamfeindlichkeit, aber auch voller Vorurteile dem Andersdenkenden ggü. steht, verstehen möchte, liegt hier genau richtig. Die Protagonisten empfand ich wie du als ganz und gar nicht schemenhaft. Aber wie alles im Leben sind die Inhalt von Bücher und deren Gestaltung Geschmacksfragen und dieses Buch hat eben Danielas Geschmack nicht ganz getroffen. Aber hat 3 anderen Personen, die Danielas Rezension kommentiert haben, scheinbar sehr gut gefallen. Damit ein voller Erfolg für den amerikanischen Architekten und ich bin sicher es werden weitere Kommentare folgen. Ich bin bereits heute auf das nächste Buch von Amy Waldman gespannt. Und ich würde 4 von 5 Sternen vergeben…

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