Eliot Perlman – Sieben Seiten der Wahrheit (Seven Types of Ambiguity)

ambiguityAus den Archiven der LESELUST – Das besondere Buch. Damit diese Bücher im neuen Blog-Format nicht in Vergessenheit geraten, werden sie hier in den nächsten Wochen neu eingestellt. Vielleicht ist ja doch noch die eine oder andere Entdeckung für euch dabei!

Simon hat sie nie vergessen: Anna, seine große Liebe, die sich schon vor mehr als 10 Jahren von ihm getrennt hatte, mittlerweile verheiratet ist und einen kleinen Sohn hat. Und eben diesen Sohn entführt Simon eines Tages für ein paar Stunden – das ist de Ausgangspunkt für diesen aus der Perspektive der sieben Protagonisten erzählten, großartigen Romans.

Alex Klima, Simons Therapeut, hat dabei den ersten Part – durch ihn lernen wir Simon kennen. Eigentlich war es Simons Vater, der Alex angeheuert hatte, um Simon zu therapieren, den Sohn auf den rechten Weg zurückzubringen; den Lehrer, der kein Lehrer mehr ist, der immer mehr trinkt und seine Abende mit einer Prostituierten verbringt. Schon das erste Treffen zwischen Simon und Alex ist außergewöhnlich; denn Simon führt ihn zum Garten eines Hauses, das, wie man bald merkt, nicht seins ist – es ist Annas Haus, und dass Simon hier kein regelmäßiger offizieller Gast ist, wird auch bald klar.

Es war Zufall, dass Simon Anna mit ihrem kleinen Sohn eines Tages wiedergesehen hatte; bzw. er hatte sie gesehen, sie ihn nicht. Die Tatsache, dass sie sein Geschenk, sein Armband, immer noch trug, war für ihn ein Hinweis darauf, dass sie immer noch zusammen gehörten, auch wenn sie mittlerweile verheiratet war.

Immer mehr Details sammelt er über ihr Leben; und zu Hilfe kommt ihm dabei ausgerechnet die Prostituierte, mit der er den Großteil seiner sonstigen Zeit verbringt, Angelique. Ausgerechnet Annas Mann, Joe Geraghty, ist nämlich einer ihrer Stammfreier, und alles, was er Angelique erzählt, berichtet sie weiter – wenn auch mit traurigem Herzen, denn sie liebt Simon, auch wenn er ihr keine Versprechungen macht.

Als Simon Annas Sohn entführt, ist sie es auch, die die Polizei ruft, um Schlimmeres zu verhindern – auch wenn sie schon vorher weiß, dass Simon ihr nicht verzeihen wird. Und nicht ahnt, dass sie in der Justizmaschinerie gefangen werden wird, mit beschuldigt wird.

Aus den wechselnden Perspektiven von Simon, Anna, Joe und Angelique erfährt man dann nicht nur nach und nach, wie das bisherige Geschehen aus deren Sicht wahrgenommen wurde – es gibt nie nur eine Wahrheit – sondern auch, wie das Geschehen voranschreitet.

Dabei wird weit ausgeholt; eine der großen Stärken dieses Romans ist es, dass die Personen nicht allein in ihrem Beziehugsgeflecht stecken, sondern auch in der “wirklichen” Welt verankert sind, dass sie arbeiten, sich mit wirtschaftlichen Zwängen auseinander setzen müssen, dass sie die Auswirkungen der Politik, der Globalisierung zu spüren bekommen.

Einer der Handlungsstränge, der sich durch das Buch zieht, handelt denn auch von Joes beruflichem Erfolg als Börsenmakler – und wie heute Geld (auch) gemacht wird. Anhand der Privatisierung des Gesundheitswesens, der Verflechtung zwischen Politik und Gewinnstreben, wird der Roman sehr deutlich in der heutigen Zeit verankert. Es sind kritische Kommentare, die es hier zu lesen sind, die zum Nachdenken anregen, ohne dabei dem Leser das Gefühl zu geben, hier würde missioniert.

Und obwohl der Roman sehr dialoglastig ist (was ich persönlich normalerweise weniger schätze), hat mich auch die Sprache überzeugt. Ein Roman, der sich trotz der Dicke (und durchaus auch enthaltener kleinerer Längen) wunderbar liest, gut formulierte Gedanken enthält, und der mir mittlerweile schon einen Monat lang immer wieder im Gedächtnis herumspukt, weil ich die Figuren so lebendig empfand und mich immer noch damit auseinandersetze, mit diversen Entscheidungen hadere und innerlich die Handlung an manchen Stellen fortschreibe. Und was kann man von einem guten Roman mehr erwarten?

Daher von mir eine ganz klare Empfehlung – und ich freue mich schon sehr darauf, bald mehr von Perlman zu lesen.

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