Roman Graf – Niedergang

niederganggrafWo ein Wille ist, ist auch ein Weg. Diese Maxime hat André sich aus Kinderzeiten bei den Pfadfindern bewahrt – es hat ihn geprägt. Ihn kann man nicht so leicht aus dem Tritt bringen. Er schafft, was er sich vornimmt.

In diesem Fall hat er sich eine Bergwanderung mit seiner Freundin Louise vorgenommen. Sie kennt, aus Mecklenburg-Vorpommern stammend, ja nur die dortigen Erhöhungen. Lange hatten sie diese Tour im Vorfeld geplant. Tagelang hatte André Berechnungen angestellt, welche Entfernungen in welcher Zeit zu bewältigen wären. Einen Kletterkurs hatten sie belegt, und, um entsprechend Kondition aufzubauen, waren sie in den vergangenen Wochen regelmäßig im Berliner Umland wandern gegangen.

Doch das war eben doch ein Wandern im Flachland. Da fehlte die Herausforderung, die Höhe, da hatte er nicht das Gefühl, sich immer wieder erneut überwinden zu müssen.

Aber schon der Aufbruch missglückt. Die Sprachlosigkeit, die Missverständnisse, die schon in diesen ersten Seiten zu spüren sind – ich hätte das Paar am liebsten geschüttelt und sie darum gebeten, doch miteinander zu reden, nicht einfach zu machen, was man glaubt, dass der andere von einem erwartet. Warum hat denn bitte Louise in diesem Moment nicht genug eigenen Willen um zu sagen: eh, das Wetter ist so schrecklich, da gehe ich nicht wandern, sorry – statt direkt nach dem Frühstück im erstbesten Cafe am Ort einen Kaffee und ein Croissant mitzunehmen, um Zeit zu schinden.

Diese Form der Nicht-Kommunikation zieht sich durch. André ärgert sich über Louise, weil die sich nicht begeistern lässt, weil sie sich von so ein bisschen Regen einschüchtern lässt, nicht erkennt, welchen Schwung es auch gibt, wenn man einfach trotzdem weitermarschiert. Er ärgert sich, weil Louise die Romantik, im Regen unter einer schützenden Tanne zu picknicken nicht erkennt. Weil sie außerdem immer etliche Minuten Abstand zu ihm wahrt, selbst dann, wenn er extra so langsam geht, dass er schon zu frieren beginnt.

Es ist, das wird auch bald klar, ein Sinnbild für die sehr unterschiedlichen Charaktere, die André und Louise verkörpern. Er ist ein Macher, er geht über seine Grenzen, wenn er ein Ziel hat, das er erreichen will. Louise hingegen nimmt hin. Eigentlich wollte sie Innenarchitektin werden, aber sie ist nur Tiefbauzeichnerin – das war eben damals so, im Osten, sagt sie. Und dass es nun zu spät wäre, noch etwas zu ändern. Auch ihr Name, Louise, ist nicht ihr eigentlicher; sie hat sich so genannt, weil sie ein Faible für alles Französische hat, ohne jemals in Frankreich gewesen zu sein. Bezeichnend, dass ein gemeinsamer Paris-Urlaub für Louise auch mit einer Desillusionierung endet.

“Niedergang” ist ein recht schmaler Roman, und er ist sehr linear erzählt – als Leser hat man keine Schwierigkeiten zu überwinden, in einem Zug bis zum Gipfel, dem Ende des Romans, durchzulesen. Mit Vergnügen durchzulesen, wohlgemerkt. Dem Roman fehlt dadurch vielleicht ein wenig an literarischer Finesse, zumal er auch sprachlich eher schlicht und zielgerichtet gehalten ist; aber das passt zum erzählenden Charakter, es ist insgesamt sehr stimmig.

Der Roman ist für den Schweizer Buchpreis 2013 nominiert.

Und wer jetzt Lust bekommen hat, die steilsten Gipfel lesend zu erklimmen, dem seien noch folgende Bücher ans Herz gelegt:

 

2 Gedanken zu “Roman Graf – Niedergang

  1. Habe ich dich jetzt richtig verstanden, Daniela, der Roman schildert eher eine Beziehungs- als eine Berggeschichte? Das ewige Mann-Frau-Geplänkel der unausgesprochenen Erwartungen? Macht mir jetzt nicht so viel Lust auf’s Lesen. Oder stürzt am Ende einer ab?

    • Nun, ich würde sagen: es ist Beides. Und das Ende soll ich ja nicht verraten, oder doch? Aber was passiert, wenn man alleine versucht einen Berg zu bezwingen, einen Überhang zu erklettern, ohne jemanden zu haben, der einen sichert…. ;-)
      Bergsteigen, Klettern – das ist ja doch auch immer eine Grenzerfahrung. Und es ist eine Gelegenheit, die Gedanken frei laufen zu lassen… sofern sie nicht durch äußere Anlässe, wie hier den Zwist, auf ein Thema fokussiert werden. Ich finde ja, er hat diesen Zwiespalt sehr schön geschildert, auch wenn ich auch schon ganz andere Meinungen dazu gehört habe (André kommt manchmal nicht gut weg bei den Lesern…)
      Lies selbst ;-) Ist ja nicht dick, und auch nicht gerade sperrig…

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