Marcelo Figueras – Kamtschatka

kamtschatkaAus den Archiven der LESELUST – Das besondere Buch. Damit diese Bücher im neuen Blog-Format nicht in Vergessenheit geraten, werden sie hier in den nächsten Wochen neu eingestellt. Vielleicht ist ja doch noch die eine oder andere Entdeckung für euch dabei!

Sie hatten immer viele Gäste gehabt, Feste gefeiert, diskutiert. Dass sich daran etwas geändert hatte, dass die selteneren Besucher vorsichtiger geworden waren, dass die Kinder nicht mehr wie früher einfach zuhören durften – natürlich war das dem Erzähler dieser Geschichte, einem zehnjährigen Jungen, auch schon aufgefallen. Als seine Mutter ihn dann eines donnerstags einfach aus dem Unterricht holt und sie zusammen zu einem abgelegenen Landhaus fahren, wo sie in der nächsten Zeit wohnen werden, und ihm außerdem verboten wird, sich wenigstens noch telefonisch von seinem besten Freund zu verabschieden, ist sein Verständnis dafür nicht gerade groß.

Auch wenn die Eltern alles versuchen, ihren beiden Kindern den radikalen Schritt zu erleichtern, es als Spiel verkleiden, dass sie nun alle neue Namen brauchen – wie in den Spionage- und ScienceFiction-Serien, die sie im Fernsehen immer angesehen hatten – die Ferienstimmung mit Grillen im Garten und Rettungsversuchen für die Kröten, die regelmäßig im Swimmingpool ertrinken, hält nicht lange an.

Eine neue Schule sollen sie nun besuchen, und nachdem der Versuch mit der einen Großmutter als Aufsichtsperson hoffnungslos fehlgeschlagen war, lebte bald darauf ein schlaksiger junger Mann mit ihnen. Und auch wenn die beiden Brüder anfangs vorhatten, ihn sofort wieder zu vertreiben, wird er bald ein unverzichtbarer Freund für Harry, der eigentlich nach dem radikalen Abschied keine Freundschaften mehr schließen wollte. Harry nannte er sich im Übrigen aus Bewunderung für Harry Houdini, über den der Junge ein Buch an diesem seltsamen Ort gefunden hatte.

Das Gefühl der Bedrohung wird immer realer; und bald kam der Tag, an dem die Eltern davonfuhren, und der Vater ihm noch ein Wort ins Ohr geflüstert hatte: Kamtschatka. Kamtschatka, wie in dem Spiel, dass Harry und sein Vater so gerne spielten, und das Harry nie gewinnen konnte – nicht, solange dieser Kamtschatka hielt…

Ich bin begeistert von diesem Roman, der konsequent aus der Perspektive eines Kindes erzählt wird. Auch wenn der Erwachsene, der heute berichtet, mehr weiß; was als Kind bekannt war und was er davon wissen wollte, verstehen wollte, sind durchaus unterschiedliche Dinge. Großartig die Schilderung, als die Mutter nervös und angespannt mit den beiden Kindern im Auto aus der Stadt hinaus will, an den Straßensperren vorbei – und die Kinder sich über die Ungerechtigkeit beschweren, nichts mitnehmen zu dürfen, und die hervorragenden Schnitzel, die es donnerstags immer gab, zu verpassen.

Es ist ein Roman darum, wie Eltern versuchen, ihren Kindern die Welt zu erklären, ohne ihnen Angst zu machen. Ein Roman um den Wert von Freundschaft – und wie schwer es sein kann, Freundschaften zu schließen, wenn man weiß, dass es nicht für immer sein wird, nicht sein kann.

In wunderbaren, stimmungsvollen Bildern beschwört der Autor hier eine Welt herauf, die einerseits von leuchtendem Kinderglück in einer liebevollen Familie erzählt, aber gleichzeitig auch die Risse zeigt, die von außen darauf einwirken.

Die Bedrohung spürt man hier in den Nebensätzen, in kleinen Details. Und natürlich am Ende des Romans, wenn der Titel nochmal eine ganz andere Bedeutung erhält.

Ein Buch, das ich mit Begeisterung gelesen habe, das mich nicht nur inhaltlich, sondern auch formal überzeugt hat, mit vielen Passagen, die so klug formuliert sind, dass ich den Autor auf jeden Fall im Auge behalten werde. Für mich ein besonderes Buch!

 

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