Liest du noch oder lebst du schon?

liestlebstVor kurzem traf ich einen Menschen aus meiner Vergangenheit wieder (und auch das nur virtuell), den ich in zuletzt vor fast 20 Jahren gesehen bzw. gesprochen habe. Das erste, was ihm zu mir einfiel, war “Liest du eigentlich immer noch so viel?”

Nun ist das eigentlich keine Frage, die verwunderlich ist. Seit ich lesen kann, und das konnte ich früh, lese ich. Und zwar intensiv und leidenschaftlich, und dass es so ist, war und ist kein Geheimnis.

Was mich aber dann doch ein wenig bestürzt hatte war die Aussage “Und wann fängst du endlich ein eigenes Leben an und flüchtest dich nicht mehr in die erfundenen Geschichten in deinen Büchern?”

Und diese Aussage hätte mich vermutlich nicht im Geringsten berührt, wenn da nicht trotzdem auch ein bisschen was dran wäre. Ja, ich lese manchmal durchaus, um mal eine Weile aus dem Alltag abzutauchen, und ich finde das auch durchaus legitim. In den Zeiten, da ich einfach nicht nachdenken mag, sind es meistens vor allem Krimis, mit denen ich mich ablenke – so what? Ein bisschen gepflegtes Morden, nach ein paar Stunden gibt es eine Lösung, die man vielleicht im realen Leben gerade nicht finden kann.

Aber trotzdem: Lesen ist mir auch noch so viel mehr als nur Zeitvertreib. Ich liebe es, beim Lesen Aspekte meines eigenen Lebens, meines Umfelds aufgegriffen zu sehen. Gerne auch aus einer anderen Perspektive, als ich sie einnehmen würde – schon oft hat mir ein Buch indirekt dabei geholfen, mich in andere Menschen, neue Situationen einfühlen zu können.

Und manchmal ist Lesen auch nicht nur pure Lust. Vor kurzem wurde ich gefragt, warum ich es mir denn zum Beispiel antue, die ganzen Shortlisttitel zu lesen, obwohl bei einigen davon absehbar war, dass sie mir nicht gefallen würden. Aber mal ganz davon abgesehen, dass mich leider ohnehin immer weniger Bücher wirklich völlig begeistern, und ich sicher auch einen gewissen Anteil an einer masochistischen Ader in mir habe – ich mag es auch, mich an Texten abzuarbeiten, einen Zugang zu Büchern zu finden, die sich mir erst versperren, zumindest, wenn ich das Gefühl habe, dass es sich literarisch lohnen könnte.

Insofern: ja, ich lese noch. Und ich lebe dadurch nicht weniger, sondern mehr!

Und, was mich noch interessieren würde: wird euch auch unterstellt, mit Lesen Lebensflucht zu betreiben?

Ein Gedanke zu “Liest du noch oder lebst du schon?

  1. Seitdem ich lesen kann, tue ich dies mit Leidenschaft..
    In der Pubertät hieß es von Seiten der Lehrer, ich sollte vielleicht nicht so viel lesen, man vermutete eine Korrelation mit den schlechten Noten.
    So hie und da befürchte ich natürlich, ich würde nur lesen um mich ausgiebig dem Eskapismus hinzugeben.
    Unter gewissen Umständen ist dies sicher der Fall.
    Im Grunde ist es eher so:
    Bücher erweitern meinen Horizont, ich fühle mich in meinem Denken oftmals bestätig und kann viele Leben leben (wie Elke Heidenreich einmal sagte).

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