Jonas Lüscher – Frühling der Barbaren

luescherPreising hat es in seinem Leben bislang irgendwie immer gut getroffen. Derzeit hält er sich zwar in einer Psychiatrie auf, und das ist auch der Ort, an dem er seine Geschichte erzählt – allerdings nicht uns, sondern dem namenlosen Erzähler, der uns die Geschichte dann weitergibt. Ein Erzählen im Erzählen, gebrochen, reflektiert, immer wieder unterbrochen natürlich auch – es hat mich sehr an W.G. Sebald erinnert, der dem Leser sicher nicht ohne Grund später im Buch dann noch als literarische Referenz begegnet.

Aber ich schweife ab. Preising ist Unternehmer. Selbst hätte er das Familienunternehmen wohl schon längst zugrunde gerichtet, aber zu seinem Grund hat sich ein findiger Mitarbeiter der Sache angenommen – einer, der ihn als Vertreter nach draußen braucht, zu Repräsentationszwecken. Und das ist auch der Grund, warum Preising sich gerade in Tunesien aufhält.

Die Tochter seines Geschäftspartners soll ihn betreuen, hat dazu aber eigentlich gar nicht so recht Zeit, wie sich bald herausstellt. Darum nimmt sie ihn mit in ihr Luxusresort in der Wüste – hier ist außer ihm nur noch eine Hochzeitsgesellschaft zu Gast.

Die Bräutigammutter, Pippa, lernt Preising dann auch bald – mit Buch in der Hand und als Anknüpfungspunkt – kennen. Sie erzählt ihm von dieser verrückten Idee, von der völligen Selbstverständlichkeit, mit der die gut verdienenden Jungen mit Summen um sich werfen, von denen die Elterngeneration nur träumen konnte.

Doch noch in der Hochzeitsnacht wandelt sich das Blatt dramatisch: die große Blase platzt. Die Investmentbanker verlieren allesamt ihren Job, die Währung verliert drastisch an Wert – und was vorher noch selbstverständlicher Luxus war, ist nun plötzlich mehr wert als die – noch nicht abbezahlte – Doppelhaushälfte in London.

Wie es zu einer Novelle gehört, ist das letzte Drittel dieses kurzen Textes der Bewältigung der Krise gewidmet. Mit der dazugehörigen Beschleunigung der Handlung entsteht natürlich ein gewisser Sog, eine Atemlosigkeit, die für mich dennoch nicht den Höhepunkt dargestellt hat. Ich habe mich lieber in der langsamen, umständlichen Erzählung davor festgelesen und Preising auf seinem Weg begleitet.

Während die Wirtschaft zu Beginn der Novelle nicht viel Raum einnimmt, wenn man von der Darstellung des moralischen Standpunkts zum Thema Kinderarbeit mal absieht, wird das, worüber man nicht spricht, in dem Moment übermächtig, wenn es nicht mehr funktioniert.

Ein kurzer, aber für mich überraschend guter Text. Vor allem die Sprache hat mich sehr begeistert, auch das reflektierte Erzählen, mit dem er seinen Meistern Sebald und Bernhard eine stilvolle Referenz leistet.

Jonas Lüscher ist, nach dem Platz auf der Longlist zum Deutschen Buchpreis 2013 (leider nicht auf der Longlist, ich hätte ihn dort gerne gesehen) nun auch auf der Shortlist zum Schweizer Buchpreis. Ein Buch, dem ich noch viele Leser wünsche – ein Tipp dazu: bitte nicht zu schnell durch die kurze Form hetzen! Ich werde den Autor auf jeden Fall nun im Auge behalten.

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