Marion Poschmann – Die Sonnenposition

poschmannBröckelnde Sonnen, leuchtende Mäuse, verwischte Fotografien von vielleicht vorbeifahrenden Fahrzeugprototypen, Erlkönige genannt… schon die ersten Szenen lassen ahnen, dass es sich beim Personal dieses Romans nicht um Durchschnittsbürger handelt.

Meine erste Überraschung erlebte ich schon recht früh – als ich feststellen musste, dass die ganzen lyrischen Passagen, die mich eben eingestimmt hatten auf das Leben in einem verfallenden Schloss, das nun eine Psychiatrie beherbergt, nicht von einer Frauenstimme stammen. Gut, der Ich-Erzähler dieser Passagen stellt sich dann auch als sehr schwammiger, ja – konturloser Mann heraus. In gewisser Weise ist es also durchaus stimmig, ihn so gefühlt weiblich sprechen zu lassen. Schon sein Name hätte für mich durchaus auch ein Frauenname sein können – Altfried Janich.

Altfried arbeitet in der oben beschriebenen Klinik, irgendwo im Osten Deutschlands, was bei seiner Familie durchaus mit Skepsis betrachtet wird. Sein ganzes Leben scheint auf einen Zwischenstatus eingerichtet zu sein; statt eine eigene Wohnung zu beziehen, lebt er im Schloss, in einem notdürftig abgetrennten Schlafbereich.

Und wenn er nicht arbeitet, zieht Altfried oft gut getarnt durch die Wälder, bevorzugt bei Nebel und Regen… dann ist er auf der Suche nach Erlkönigen. So heißen, habe ich hier gelernt, die Prototypen von neuen Autos. Die literarische Anspielung auf Goethes bekannte Ballade fand ich aber auch durchaus gelungen. “In seinen Armen das Kind war tot”.

Tot ist hier Altfrieds Freund. Sein bester – einziger? – Freund Odilo, exzentrisch auch er, der sein Leben der Erforschung der Luminiszenz verschrieben hat. Odilo, im Gegensatz zu Altfried wirtschaftlich sehr erfolgreich und mit den Statussymbolen des Wohlstands umgeben, bleibt ihm aber dennoch fremd. Dass er zudem ein Verhältnis mit Altfrieds Schwester Mila hatte, war diesem ebenfalls verborgen geblieben.

In einer seltsam berückenden, mich allerdings stellenweise auch erdrückenden Sprache wird… ja, was eigentlich? erzählt – ich muss gestehen: ich habe diesen Roman nicht durchdrungen. Mir ist bis zuletzt eigentlich unklar geblieben, worum es der Autorin hier eigentlich geht. Ich kann nur meine Eindrücke schildern: vom Wunsch, mit der Umgebung zu verschmelzen und gleichzeitig von innen heraus zu leuchten; von einem tiefen Verhaftetsein in der Vergangenheit, sich nicht lösen können… was sowohl auf die Schwester, die Altes neu aufbereitet, als auch auf die Patienten, die in ihren Fallgeschichten allesamt als Opfer der neuen Zeit nach der Wende erscheinen zuzutreffen scheint.

Eine willkürlich herausgegriffene Textpassage vom Ende des Romans kann vielleicht verdeutlichen, warum mich die Sprache einerseits fasziniert, mich aber gleichzeitig auch ermüdet.

Mystische Jagd: Der Erzengel Gabriel, allegorischer Jäger, treibt mit seinen Hunden das Einhorn auf die Jungfrau Maria zu. Pausbäckige Putten führen das Rudel an langen Leinen, lassen ein Spruchband flattern, auf dem sich der Schriftzug Ave Maria enthüllt.

Maria neigt sich sanft dem Tier zu, sie zieht es durch körperlose Berührung, durch ihren Liebreiz an sich. Das Einhorn, das Christus symbolisiert, ergibt sich dem Treiben der Jäger, schreitet vertrauensvoll auf Maria zu und legt seinen Kopf auf ihr Knie.

Die mystische Jagd kreist um den Schoß der Jungfrau. Als Verkündigungsszene geht sie auf den heidnischen Mythos um ein wildes Tier zurück, das mit einem einzelnen Horn bewehrt ist und nur von einer Jungfrau gezähmt werden kann.

Mein Verhältnis zu diesem Roman ist … ambivalent. Als Otto-Normalleser empfand ich ihn als anstrengend und irgendwie nichtssagend. Doch dass da mehr ist, dass da eine kunstvolle Sprache, eine kunstvolle Komposition den Leser dazu herausfordern, den Roman langsam zu dechiffrieren und die Bilder aufzulösen, das blieb selbst mir nicht verborgen. Ich habe es auch nicht ungern gelesen, alleine die zum Teil wunderbaren Wortschöpfungen und Metaphern haben mein Leserherz erfreut. Wenn ich mir nun vorstelle, dass dieser Roman mit dem Buchpreis 2013 als bester Roman des Jahres ausgezeichnet wird, vermute ich, dass etliche Leser, die das Buch alleine der Auszeichnung wegen kaufen, eher enttäuscht sein werden. Dass der Roman eine literarische Auszeichnung durchaus verdient steht auf einem anderen Blatt.

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