Abraham Verghese – Rückkehr nach Missing (Cutting for Stone)

vergheseAus den Archiven der LESELUST – Das besondere Buch. Damit diese Bücher im neuen Blog-Format nicht in Vergessenheit geraten, werden sie hier in den nächsten Wochen neu eingestellt. Vielleicht ist ja doch noch die eine oder andere Entdeckung für euch dabei!

Marion und Shiva Stone werden Mitte des 20. Jahrhunderts als siamesische Zwillinge in einer äthiopischen Missionsstation von einer indischen Nonne geboren. In diesem einen kurzen Satz sind bereits eine Unzahl an Geschichten und Hintergründen verborgen, die diesen Roman für mich so außergewöhnlich fesselnd gemacht haben – auch wenn es vielleicht auf den ersten Blick scheinen mag, als ob hier mit Sensationslust und billigen Effekten Spannung erzeugt werden sollte. Doch der Autor zeigt hier Irving´sche Qualitäten und schafft es, diese seltsame Ausgangslage als grandiosen Auftakt des schönsten Romans werden zu lassen, den ich 2009 gelesen habe.

Die Mutter der Zwillinge überlebt die Geburt nicht. Der vermutliche Vater, Thomas Stone, der Wunderchirurg der Missionsstation, lässt sie zurück in Obhut einer weiteren indischen Ärztin, Hema, und verschwindet für lange Zeit aus dem Leben der neuen kleinen Familie.

Die zusammengewürfelte Familie, die sich um die Zwillinge herum gruppiert, rekrutiert sich aus den weiteren Bewohnern der Missionsstation. Wobei der Missionsgedanke dieser Station von der Oberin längst auf Eis gelegt wurde – wie sollte man auch das Christentum ausgerechnet in einem Land verbreiten wollen, in dem eine der ältesten christlichen Glaubensgemeinschaften nach wie vor lebendig ist? Unter Kaiser Haile Selassi sollte die medizinische Versorgung und auch das Schulsystem weiter ausgebaut werden – und in Indien fanden viele hervorragend ausgebildete Ärzte und Lehrer keine angemessene Beschäftigung und kamen daher in großer Zahl.

Doch neben einer Geschichte des Rückblicks auf die beeindruckende Geschichte eines Landes, mit dem man heutzutage fast nur Katastrophenmeldungen verbindet, wird hier auch Zeitgeschichte lebendig erzählt. Das Schicksal der Zwillinge und ihrer Umgebung ist eng verwoben mit der des Landes, mit den zunehmenden Repressalien, dem Abnehmen von Selassis Ansehen, mit Putschversuchen.

Die Politik ist auch – unter anderem – dafür verantwortlich, dass Marion das Land eines Tages ebenso überstürzt verlassen muss wie es Jahre vor ihm sein Vater getan hatte. Auch sein Ziel ist Amerika, eine medizinische Karriere.

Darin verwoben ist die Geschichte zweier Brüder, deren anfangs telepathische Nähe sich zu einem Verrat entwickelt, der die Familienkonstellation nachhaltig erschüttert.

Es ist fast unmöglich, die Fülle der Einzelfäden dieses Romans wiederzugeben, und gleichzeitig zu vermitteln, dass er dennoch den roten Faden, der durch das gesamte Buch führt, niemals aus den Augen verliert.

Ich bin in diesen Roman eingetaucht, wie es mir lange nicht mehr mit einem Buch gegangen ist, habe mich einerseits vom Zauber gefangen nehmen lassen, den der exotische Schauplatz ausübte, bin in Zeitgeschichte eingetaucht, habe auch die vielen vielen medizinischen Details mit Spannung und großem Interesse gelesen, weil sie nie langweilig oder trocken wiedergegeben wurden – kurzum, ich bin begeistert.

Wer John Irving und dessen Erzählweise kennt, die auch seltsame Ausgangslagen bald völlig selbstverständlich werden lässt, weil sie so glaubhaft erzählt werden, der wird dieses seltene Talent auch hier wiederfinden. Dazu einen Erzähler, der sich Zeit lässt, seine Geschichte zu entwickeln – nur als Beispiel, nach 170 Seiten waren die Zwillinge gerade erst geboren – und der es schafft, trotz aller Ausführlichkeit nicht zu langweilen… kurzum, ich würde mich freuen, wenn dieser Roman noch viele viele weitere Leser finden würde!

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